Biblische Texte enthalten teilweise sehr spezielles Wissen, überdas normalerweise nur sehr wenige Fachleute verfügen. Einigederartige Texte sind z.B. die genaue Kenntnis von entlegenenRegionen in Saudi-Arabien (Gen 10,26-30), das konkrete Wissenum die Wirtschaftskontakte der Phönizier (Ez 27,1-24), relativgenaue Kenntnisse der politischen Situation in ausländischenStaaten (Fremdvölkerorakel) oder historische Details, die sich ineinigen Texten der Königsbücher finden. Der Autor postuliert indieser kleinen Studie, dass in Juda und Israel das Wissen, dasDiplomaten, Händler und andere Reisende besaßen, zentralvon den königlichen Schreibern festgehalten wurde, um im Bedarfsfalldarauf zurückgreifen zu können. Dies könnte man alslegitime Geheimdiensttätigkeit bezeichnen. Beamte oder Angehörigeder Eliten konnten auf dieses in jedem Staat festgehalteneWissen zurückgreifen. Ein Vergleich mit dem ägyptischenPapyrus Anastasi I zeigt, welche Kenntnisse sich damaligeBeamte im Laufe ihrer Ausbildung aneignen sollten.
Prof. emer. Dr. Wolfgang Zwickel (*1957), Professor für Altes
Testament und Biblische Archäologie an der Evangelisch-
Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität
Mainz. Promotion und Habilitation in Kiel, jeweils über Fragen
der Kultgeschichte Palästinas. Verantwortliche Beteiligung
an diversen archäologischen Projekten (u.a. Yavne, Jaffa, Tell
el-Oreme/Kinneret, Akko). Schwerpunkte seiner Forschungen
sind die Historische Topographie sowie die Geschichte Israels
(unter besonderer Berücksichtigung der Religions-, Kult- und
Kulturgeschichte).