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„Angst- und Panikmache haben nichts mit Wissenschaft zu tun“

11. Juni 2021, Marcel Malachowski

Grafik Verlauf der effektive Reproduktionszahlen in Deutschland - März 2020 bis April 2021

Prof. Annika Hoyer (LMU München) und Prof. Ralph Brinks (Uni Witten-Herdecke) im Interview zu ihrer sehr bemerkenswerten aktuellen Studie, wonach das Sinken der Corona-Zahlen bereits vor (!) der Bundesnotbremse und dem letzten Lockdown begann

Annika Hoyer und Ralph Brinks sowie die Mitautorin der Studie „Bewertung des Epidemie-Geschehens in Deutschland: Zeitliche Trends in der effektiven Reproduktionszah“, Lara Rad, sind Mitglieder der CODAG, der Covid-19 Data Analysis Group, einem Netzwerk von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlerin, die regelmäßig die Auswirkungen der Pandemie untersuchen.

Prof. Dr. rer. nat. Annika Hoyer ist Biostatistikerin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und zudem unter anderem im Beirat der Biometrischen Gesellschaft und tätig im Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf und weiteren Fachgesellschaften.

PD Prof. Dr. rer. nat. Ralph Brinks ist Diplom-Mathematiker und Epidemiologe und lehrt neben seiner Tätigkeit am Statistischen Beratungslabor der LMU München zur Zeit an der Universität Witten-Herdecke als Lehrstuhlinhaber für Medizinische Biometrie im Fachbereich für Humanmedizin, zuvor am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Wie würden Sie beide die Grundergebnisse Ihrer Studie für wissenschaftliche Laien zusammenfassen?

Annika Hoyer: Wir haben uns mit dem zeitlichen Verlauf des R-Wertes beschäftigt und untersucht, wann sich dieser verändert hat. Dabei haben wir gesehen, dass dies bereits vor dem Inkrafttreten bestimmter Maßnahmen wie dem „Lockdown light“ im November letzten Jahres und dessen Verschärfung im darauf folgenden Dezember, sowie der Bundesnotbremse im April diesen Jahres war. Letztendlich bedeutet dies, dass sich das Infektionsgeschehen bereits vor den Maßnahmen positiv verändert hat und abgefallen ist. Damit sind die genannten Maßnahmen nicht ursächlich dafür verantwortlich, können aber natürlich positiv gewirkt haben.

Ralph Brinks: Man würde mit den Zeitpunkten des Inkraftsetzens von solchen Maßnahmen erwarten, dass sich das Infektionsgeschehen in etwa zu diesen Zeitpunkten ändert. Das konnten wir in den Daten nicht beobachten. Wir haben gesehen, dass die Zeitpunkte des gesetzlichen Inkrafttretens schon mitten in eine Phase des Abklingens fielen. Über die Gründe, warum die Dynamik schon vor dem Inkrafttreten nachließ, können wir nur spekulieren. Dazu haben wir keine Daten.

Einige KollegInnen haben Antizipationseffekte der Bevölkerung ins Feld geführt. Damit meint man, dass die öffentliche Debatte vor dem Inkrafttreten der Restriktionen so energisch war, dass sich die Menschen schon vorher vorsichtiger verhalten haben. Das bezweifeln wir, denn es gab immer wieder Zeitpunkte, an denen die Debatte aufgeheizt war, sich aber keine nennenswerten Änderungen eingestellt haben. Sollte die Antizipationsthese stimmen, würde es auch bedeuten, wir müssen nur viel über mögliche Restriktionen diskutieren und schon würden sich die gewünschten Effekte – zumindest teilweise – einstellen.

„In der öffentlichen Debatte wird fast durchweg auf die Meldeinzidenz abgehoben“

In Ihrer Studie lag der Fokus ja auf dem R-Wert. In der öffentlichen Diskussion wird dieser auch immer wieder von verschiedensten Seiten instrumentalisiert … Welche Bedeutung kommt dem R-Wert in wissenschaftlicher Hinsicht denn genau zu?

Annika Hoyer: Der R-Wert beschreibt, wie viele Personen im Durchschnitt von einer infizierten Person im Laufe der infektiösen Phase dieser Person angesteckt werden. Damit ist der Wert ein Indikator für die Dynamik des Infektionsgeschehen. Ist der R-Wert größer als 1, nimmt das Infektionsgeschehen zu, ist er kleiner als 1, nimmt es ab. Liegt der R-Wert dauerhaft unter 1, „stirbt“ die Infektion quasi aus.

Ralph Brinks: In der öffentlichen und politischen Debatte wird fast durchweg auf die Meldeinzidenz abgehoben, die sehr stark vom Testgeschehen abhängig ist. Das Problem dabei ist aber, dass sich die Testzahlen während der Pandemie sehr stark änderten – selbst auf regionaler Ebene. Für eine Stadt, die ich genauer untersuche, sehe ich an manchen Tagen im November mehr als 1000 durchführte PCR-Tests und im Februar diesen Jahres aber nur 230. Schwankungen in solchen Größenordungen sind also durchaus möglich und haben in der Konsequenz einen starken Einfluss auf die Meldeinzidenz. Auch wenn versucht wird, solche Schwankungen über die Positivrate und die Testzahlen zu korrigieren – das ist nicht zuverlässig möglich. Wir haben uns in dieser Studie statt auf die Inzidenz auf den R-Wert konzentriert, weil man mathematisch zeigen kann, dass dieser Wert unabhängiger vom Testgeschehen ist.

Ohne eine politische Bewertung: Könnte man in schlichter Form sagen, die Bundesnotbremse war unnötig – weil die Bevölkerung von sich aus bereits die medizinisch notwendige Vorsicht hat walten lassen, um die Zahlen zu senken?

Annika Hoyer: Für eine solche Schlussfolgerung fehlen uns letztendlich die richtigen Daten. Wir sehen zwar eine Änderung im Infektionsgeschehen bereits vor Inkrafttreten der Bundesnotbremse und damit keine direkte Assoziation zwischen dieser Veränderung und den beschlossenen Maßnahmen. Jedoch kann die Bundesnotbremse durchaus auch positiv verstärkend gewirkt haben.

Ralph Brinks: Ein Befürworter der Restriktionen könnte behaupten, dass alles noch viel schlimmer gekommen wäre, wenn man regierungsseitig nicht so restriktiv gehandelt hätte. Außer dem Blick auf andere Länder, wo es trotz Lockerungen nicht schlimmer geworden ist, könnte man dieser Position wenig entgegensetzen. Ein übliches Muster ist dann ins Feld zu führen, warum die Lage in diesem oder jenem Land nicht mit der Situation in Deutschland vergleichbar ist.

Um es offen zu sagen: Die Datenlage in Deutschland lässt es nicht zu, seriös zu bewerten, was passiert wäre, wenn dies oder das gemacht worden wäre. Wir haben keinen Laborversuch unter kontrollierten Bedingungen, wo man eine Vergleichsgruppe ohne Maßnahmen hätte. Vereinzelt ergaben sich Möglichkeiten für solche Vergleiche, z.B. als im klirrend kalten Februar 2021 in Jena die Kontaktbeschränkungen gelockert werden mussten, weil in einem Stadtteil die Heizung ausgefallen war. Solche „natürlichen Experimente“ können wichtige Erkenntnisse liefern, wenn sie wissenschaftlich begleitet werden. Noch schwieriger ist die darüber hinaus gehende Frage der Kausalattributierung, also die Antwort auf die Frage ‚welche Einzelmaßnahme hatte welchen Effekt‘?

„Es ist die Frage, welches Menschenbild bei Warnungen aus der Politik vorherrscht“

An Sie als Bürgerin und Bürger, nicht als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler gefragt: Waren die extremen Warnungen der Politik – zumindest im Nachhinein betrachtet – nicht doch zu krass? Vorsicht ist zwar besser als Nachsicht, aber lähmende Angst ist ja auch kein guter Ratgeber und Contenance sollte zum Grundrepertoire von Führungskräften gehören, zumal denen der ganzen Gesellschaft …

Annika Hoyer: Dahinter verbirgt sich für mich die Frage, welches Menschenbild bei solchen Warnungen aus der Politik vorherrscht. Geht man davon aus, dass die BürgerInnen vernunftbegabt sind, erklärt man die Situation klar und verständlich und richtet dann einen Appell an die BürgerInnen. Das entspräche, verkürzt gesagt, dem Menschenbild aus dem Zeitalter der Aufklärung. Wenn nun stattdessen Drohbilder aufgebaut werden – nach dem Muster: wenn die Kinder in die Schule gehen, sind sie für den Tod der Großeltern verantwortlich – so zeigt mir das, was bei den Warnungen aus der Politik über die Vernunftbegabung der BürgerInnen gedacht wird. Wissenschaft basiert auf Argumenten und richtet sich an die Vernunft und Einsichtsfähigkeit der RezipientInnen. Angst- und Panikmache haben nichts mit Wissenschaft zu tun.

Ihre letzte Studie beschäftigte sich mit der dritten Welle und den Gegenmaßnahmen des Lockdowns. Kann man diese auf die vorherigen Lockdowns „übertragen“ oder wäre das zu simplifiziert?

Annika Hoyer: Um die vorherigen Lockdowns zu betrachten, ist eine detaillierte Analyse der Daten notwendig. Gerade zu Beginn der Pandemie war in der Bevölkerung noch relativ wenig zum Virus bekannt. Die Unsicherheit war entsprechend groß und wir gehen davon aus, dass die Bevölkerung während der ersten Welle vorsichtiger als in der Folgezeit war. Das wird durch Mobilitätsdaten belegt. Zudem standen anfänglich nur wenig Testkapazitäten zur Verfügung, weshalb die Dunkelziffer der Erkrankten auch deutlich höher war. Ein Vergleich zwischen den Wellen muss unter diesen Gesichtspunkten geschehen.

„Deutlich vor dem Lockdown im November 2020 gab es schon eine Trendumkehr auch der Inzidenzen“

In Ihrer Studie kamen Sie zudem auch zu dem Schluss, dass es bereits seit September(!) keine Korrelation zwischen dem R-Wert und den Lockdowns gab – aber das im Gegensatz zur Entwicklung der Inzidenzen sowie der Fallzahlen. Welche Schlussfolgerung würden Sie nun den Betrachtern nahelegen, die sich mit damit nicht professionell und täglich beschäftigen? Das Ganze ist ja sehr komplex und verweigert sich einfachen Interpretationen …

Annika Hoyer: Für die Beschreibung des Infektionsgeschehens eignen sich aus unserer Sicht Fallzahlen und Inzidenzen nicht besonders gut, da diese wie oben beschrieben sehr stark vom Testgeschehen abhängen, das heißt: Davon, wie viele Tests durchgeführt werden und überhaupt zur Verfügung stehen. Der R-Wert ist deutlich stabiler und unabhängiger vom Testverhalten. Insofern sollten Schlussfolgerungen nicht ausschließlich auf Basis von Inzidenzen und Fallzahlen getroffen werden.

Ralph Brinks: Ich möchte der Feststellung in der Frage etwas widersprechen, denn auch in den Inzidenzen haben wir deutlich vor dem Lockdown im November 2020 eine Trendumkehr gesehen. Das ist konsistent mit unseren Analysen zum R-Wert.

In Internet-Foren wurde Ihre Studie oft zustimmend wahrgenommen. Es gab zum Beispiel einen Beitrag mit dem Titel: „Bundesnotbremse war kompletter Unfug“. Stimmt das? Oder stimmt das gerade nicht? Oder verweigern sich komplexe wissenschaftliche Betrachtungen einer solchen Verkürzung, da sie nicht das Zustandekommen der Ergebnisse einbeziehen und erzielte Hinweise verwechseln einige mit Beweisen?

Annika Hoyer: Derartige vereinfachte Schlussfolgerungen lassen sich aus unseren Ergebnissen nicht ziehen. Als Wissenschaftler versuchen wir immer, unsere Ergebnisse neutral und basierend auf den vorliegenden Daten darzustellen. Wir sehen zwar eine Veränderung im Infektionsgeschehen bereits vor Inkrafttreten der Bundesnotbremse, das heißt im Umkehrschluss jedoch nicht, dass die Maßnahmen nicht auch einen positiven Effekt gehabt haben können. Auf Basis der zur Verfügung stehenden Daten ist es einfach nicht möglich, zu quantifizieren, welche Komponenten welchen Effekt gehabt haben könnten. Beispielsweise spielen auch saisonale Effekte eine Rolle.

Ralph Brinks: Ich denke, dass bei Begrifflichkeiten wie „Unfug“ viel Polemik dabei ist. Wenn wir eine sachliche Debatte wollen, sollten wir nicht unzulässig verkürzen. Unsere Studie gibt Hinweise darauf, dass die restriktiven Maßnahmen allein die Änderungen des Infektionsgeschehens nicht erklären können. Was die Änderungen bewirkt haben könnte, wissen wir nicht. Aus epidemiologischer Sicht umfassen beispielsweise die saisonalen Effekte nicht nur Eigenschaften des Virus, sondern auch die Eigenschaften der Menschen (der Wirtsorganismen). Wenn das Wetter besser wird, sich die Leute vermehrt im Freien treffen und der Befund der Aerosolforscher richtig ist, dass es im Freien weniger Ansteckungen gibt, so wäre dies ein saisonaler Effekt.

„Die Gefahr der Vereinfachung von Studienergebnissen besteht immer“

AfD-Politiker bejubelten ja im Internet Ihre Studie, Sie verwahren sich gegen jede Vereinnahmung … Im Moment wird jede gravierende Studie je nach Gusto sehr aufgeregt wahrgenommen. Wo sehen Sie als Wissenschaftler/in die Gefahr in der zu schlichten Interpretation? Werden wissenschaftliche Studien im Moment zu vereinfacht dargestellt auch von Medien?

Ralph Brinks: Ich glaube auch, dass ein Teil des Vertrauensverlustes daher kommt, dass zu etlichen politischen Treffen und Stellungnahmen immer dieselben WissenschaftlerInnen eingeladen und gehört wurden – oft zu Themen, die außerhalb ihrer Kernkompetenzen lagen. Zum Teil wurden PhysikerInnen oder VirologInnen zu Punkten befragt, die eigentlich in die Disziplinen Epidemiologie und Public-Health gehören. Es hat außerdem nicht immer eine Trennung zwischen Fakten, persönlichen Meinungen und Spekulationen gegeben. Ich würde den Medienschaffenden aber auch den BürgerInnen raten, sich darüber zu informieren, wem sie Aufmerksamkeit schenken. Wie ein Anwalt für Familienrecht etwas anderes ist als eine Verfassungsrichterin, sind Fachleute für das eine Gebiet nicht immer auch Fachleute für alles andere.

Annika Hoyer: Die Gefahr, dass Studienergebnisse zu vereinfacht dargestellt werden, besteht immer, insbesondere bei Themen, die einen Großteil der Bevölkerung bewegen und betreffen, wie es in der COVID-19-Pandemie der Fall ist. Wir als Wissenschaftler möchten mit unseren Forschungsergebnissen zur Information der Gesellschaft beitragen, versuchen dabei aber immer einen neutralen Standpunkt einzunehmen. Eine stark vereinfachte Interpretation unserer Ergebnisse und Schlussfolgerungen, die diese nicht zulassen, bringen die Gefahr einer Instrumentalisierung mit sich. Letztendlich kann das dazu führen, dass die Gesellschaft der Wissenschaft nicht mehr vertraut.

Die Popularisierung von Wissenschaft ist ja ein Zeichen für Aufklärung, das populistische Ausschlachten von Faktenfetzen jedoch gerade nicht … Was sollte man aus Ihrer letzten Studie darum keinesfalls leichtfertig schließen?

Annika Hoyer: Man sollte aus unserer Studie nicht leichtfertig sehr allgemeine kausale Schlüsse ziehen, wie beispielsweise dass alle Maßnahmen absolut unnötig waren.

Ralph Brinks: Wissenschaftliche Erkenntnis braucht sehr viel Zeit und viele – möglichst unabhängige Beobachtungen und Daten – um valide Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich würde empfehlen, in wichtigen Fragen keinesfalls einem Einzelbefund oder einer einzelnen Stimme zu starkes Gewicht zu geben.

„Ich sehe die Gefahr, dass Forschungsgelder für willfährige WissenschaftlerInnen vergeben werden“

Ist die Autonomie der Wissenschaft grundsätzlich gefährdet? Sowohl durch die Politik als auch durch krudeste Verschwörungstheoretiker, die Zahlen nur so darstellen, wie es gerade passt?

Ralph Brinks: Hier sehe ich zwei Probleme. Das erste betrifft die Wahrnehmung von Wissenschaft und den darauf basierenden Diskurs: Wenn RezipientInnen von wissenschaftlichen Studien nur diejenigen Ergebnisse berichten, die in ihr Weltbild passen, und sodann mit einer eventuell großen Reichweite verbreiten, entsteht ein verzerrter Diskurs. Verstärkt wird das Phänomen dadurch, dass gewisse Positionen, zum Beispiel Ausgangssperre ja oder nein, stark polarisieren. In der Wissenschaft haben wir zum Teil ausgefeilte Mechanismen, wie wir damit umgehen und so etwas in Form einer Meta-Analyse behandeln. In der Politik erfordert es aber mitunter viel Aufwand, so etwas aufzudecken und ins öffentliche Bewußtsein zu bringen.

Das zweite Problem ist meines Erachtens noch gravierender. Ich sehe die grundgesetzlich verankerte Autonomie der Wissenschaft dadurch in Gefahr, dass möglicherweise Forschungsgelder für willfährige WissenschaftlerInnen vergeben werden. Auch wenn ich auf dem Standpunkt stehe, dass die Aufwendungen für Forschung und Lehre verglichen mit den Kosten für Ignoranz und Dummheit vernachlässigbar sind, so ist gute Wissenschaft doch sehr kostspielig. Daraus entsteht eine möglicherweise verhängnisvolle Nähe zwischen Macht und Wissenschaft, die wir nicht aus den Augen verlieren sollten.

Welche Aspekte der Corona-Pandemie könnte man sich denn im Nachhinein ohne Aufgeregtheit noch mal genauer ansehen? Die Forschungen dazu stehen ja noch am Anfang …

Annika Hoyer: Ein wichtiger Aspekt, den wir aus der Corona-Pandemie lernen sollten, ist die richtige Erhebung wissenschaftlicher Daten zur Bewertung des Verlaufs der Infektion und auch von getroffenen Maßnahmen. Es ist derzeit schwierig zu sagen, welche Aspekte man später detailliert betrachten kann, da dies auch stark von verfügbaren Daten abhängt.

Ralph Brinks: Ich habe die Hoffnung, dass wir die nächste Pandemie mit deutlich weniger restriktiven Maßnahmen bewältigen können. Namhafte Wissenschaftler haben die Lockdowns als ‚Holzhammer-Methode‘ bezeichnet. Fakt ist, dass diese Ideen aus dem Mittelalter stammen und mit vielen Nebenwirkungen einhergehen – Nebenwirkungen, deren Konsequenzen wir zum Teil noch gar nicht absehen können. Dass wir so schnell vergessen haben, die unerwünschten Nebenwirkungen unserer mittelalterlichen Methoden mit zu bedenken, ist eines der größten Probleme, die ich mit dieser Art der Pandemiebewältigung habe. Meine Frage wäre also, ob es nicht eine „minimal-invasive“ Alternative zum brachialen Holzhammer gäbe und wie die aussehen könnte. Wie müsste zum Beispiel eine App für die Mobiltelefone beschaffen sein, dass sie weitgehend akzeptiert wird und eine nennenswerte Wirkung entfaltet? Wie könnten wir die Genauigkeit von Selbsttests steigern und wie könnte in diesem Zusammenhang mehr Eigenverantwortung helfen?

Aber gibt es eigentlich wissenschaftliche Daten zum Zusammenhang von Wetter beziehungsweise Jahreszeit und Corona? Dieser Zusammenhang wird ja immer wieder hergestellt in dem Sinne, dass der Sommer die Zahlen sinken lässt … Im subtropischen Indien war aber mit der Delta-Variante das Gegenteil der Fall, ebenso im tropischen Vietnam, in Taiwan oder einigen Ländern Südamerikas …

Ralph Brinks: Wenn Sie nach Eigenschaften des Virus fragen, also zum Beispiel, wie lange überlebt das Virus bei Sonneneinstrahlung, so gibt es dort eine ganze Reihe von Studien. Respiratorische Viren treten stark saisonal auf, aber die Studienlage zusammen zu fassen und zu bewerten überschreitet meine Kompetenzen als Epidemiologe. Für mich ist es wichtiger, wie die Saisonalität auf die Wechselbeziehung zwischen Virus, Wirt und Umgebung wirkt. Es ist sicher unstrittig, dass das Wetter auf das Verhalten des Wirtes wirkt. Was weniger gut untersucht ist, ist die Wirkung der Saisonalität auf das Immunsystem des Wirtes. Das Immunsystem ist eines der größten Rätsel in der Medizin und wir sind weit von einem umfassenden Verständnis entfernt.

Eine andere Studie von Kolleginnen und Kollegen Ihrer Forschungsgruppe (CODAG No. 16/I) beschäftigte sich mit den Infektionen am Arbeitsplatz, die in 2021 stark zunahmen. Das bestätigt die Vermutung, dass die Arbeitswelt in diesem Sinne eine politisch unterschätzte Gefahr in der Pandemie ist … Gleichzeitig fanden Ihre Kolleginnen und Kollegen heraus, dass es trotz großer Aufregung in den Debatten kein großes Geschehen an Schulen gibt.

Könnte es zudem sein, dass durch die unseriösen Schnelltests (Verdacht gegen Medican und andere) ohne jede medizinische oder seriöse behördliche Kontrolle die Inzidenzen im Moment niedriger sind als tatsächlich die Infektionszahlen, die unerkannt bleiben?

Annika Hoyer: Das Testgeschehen beeinflusst natürlich die Inzidenz. Im Vergleich zum Beginn der Pandemie stehen uns mittlerweile deutlich mehr Tests zur Verfügung, was die Dunkelziffer stark reduziert. Wir haben also aktuell ein deutlich umfassenderes Bild vom Pandemiegeschehen als Anfang 2020. Die Auswirkungen von unseriösen Schnelltests lassen sich schwer quantifizieren. Der deutliche Rückgang der Infektionszahlen lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit jedoch nicht auf diese zurückführen.

Ralph Brinks: Ja, es ist grundsätzlich möglich, dass die gemeldeten Fälle vom tatsächlichen Infektionsgeschehen abweichen. Anzunehmen, die Meldezahlen seien fehlerfrei, ist überaus optimistisch. Die Frage ist, um wie viel weichen die gemeldeten Zahlen vom tatsächlichen Geschehen ab. Wie gerade eben schon beschrieben ist die Meldeinzidenz kein guter Parameter zur Beurteilung der Dynamik der Pandemie. Wir haben während der ersten Welle eine Abschätzung der Dunkelziffer gemacht und kommen zu der Schluss, dass gerade in der ersten Welle viel übersehen wurde.

„Es hat auf Seiten der Wissenschaft auch immer Fehlschläge gegeben“

In der öffentlichen Diskussion geht ja sehr viel durcheinander, der Gesamtkomplex Pandemie ist ja auch sehr umfangreich … Welche Aspekte der Betrachtung fehlen Ihnen dabei?

Annika Hoyer: Es sollte deutlich werden, dass man eine Pandemie nicht nur anhand einer einzelnen Zahl, der Inzidenz, beschreiben kann. Letztendlich ist dafür eine Zusammensetzung vieler Maßzahlen wichtig, wie beispielsweise dem R-Wert, aber auch der Belegung von Intensivstationen. Dabei sollten jedoch auch Kosten-Nutzen-Aspekte betrachtet werden, was letztendlich bedeutet, dass eine Maßnahme sich nicht ausschließlich auf Fallzahlen auswirken kann, sondern zum Beispiel auch auf andere Erkrankungen, wie das zunehmende Auftreten von Depressionen oder Adipositas.

„Zu viele Fakten verstellen den Blick auf die Wahrheit“ – das war vor Corona ein beliebter Bonmot in Kreisen, die aus der Kritischen Theorie stammten und zu Recht die instrumentelle Vernunft in ihrer kalten Unmenschlichkeit anprangerten wie Adorno … Seit der Pandemie werden Fakten aber in völlig anderer Motivation ignoriert, um unsachliche Kritik an der Bundesregierung vorzutragen, jüdische Omnipotenz herbeiphantasieren oder Extremismus befördern. Die Wissenschaft ist ja in der Pandemie zum „Star“ geworden, viel Ehr´, viel Feind. Was würden Sie als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler nach all den letzten Monaten denen sagen, die die Wissenschaft in unvernünftiger Form zu verleumden suchen?

Ralph Brinks: Vor dem Hintergrund der weiten Perspektive dieser Frage möchte ich wissenschaftsgeschichtlich antworten: Die Wissenschaft bemüht sich seit Jahrhunderten, sich der Wahrheit anzunähern. Der Wahrheit selbst ist es dabei egal, ob die Wissenschaft das gut macht oder von den RezipientInnen gut oder schlecht angenommen wird. Es hat auf Seiten der Wissenschaft auch immer Fehlschläge gegeben, etwa als Gelehrte jahrhunderte lang annahmen, dass sich die Erde im Zentrum des Universums befindet. Ob Wissenschaft gut oder schlecht gemacht wird und dann in der Konsequenz so oder so wahrgenommen wird, ist für mich nachrangig. Die wichtigere Frage ist: Können wir ein besseres Leben führen, wenn wir den wissenschaftlichen Weg wählen oder wenn wir uns dagegen entscheiden?

Und da habe ich eine klare Meinung, aus der auch die Antwort folgt, ob wir unsere Bemühungen zur guten Wissenschaft erhalten oder sogar steigern sollten. Wir sollten nie vergessen, dass es Technologie und Wissenschaft sind, die in fast allen Ländern dieser Welt zu einer Verbesserung der Lebenssituationen der Menschen geführt haben. Es ist die Wissenschaft, die uns Lösungen für unsere aktuellen oder zukünftigen Probleme bringen wird – seien es gesundheitliche Bedrohungen, wie die jetzige Pandemie, oder das viel weiter reichende Energie- und Klimaproblem. Diejenigen, die sich gegen die Wissenschaft stellen, möchte ich fragen, ob sie die Leistungen der Wissenschaft in der modernen Medizin, wie etwa die beispiellose rasante Entwicklung von Impfstoffen gegen COVID-19, immer noch nicht sehen?

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