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Querdenker der anderen Art: Harte Auseinandersetzungen um Schwedens Krisenpolitik

19. Februar 2021, Jens Mattern

Coronaviren.Bild: NIAID

Über den schwedischen Sonderweg wird wieder verbissen gestritten, Gegner und Befürworter werfen sich Drohungen vor.

„Das ist ganz schön hart, dafür angeklagt zu werden, 12.000 Menschen getötet zu haben“, sagte Lena Hallengren, die Gesundheitsministerin Schwedens, kürzlich gegenüber der Zeitung „Aftonbladet“.

 

Hinter der Anklage steckt eine geschlossene Facebookgruppe mit dem Name „Media Watchdog of Sweden“, die auch via Twitter aktiv ist: twitter.com/KeithMEWAS. Andersrum tickenden Querdenker, wenn man den Vergleich mit Deutschland sucht, welche mehr Restriktionen fordern.

 

Die rund 200 Mitglieder kritisieren in harscher Sprache die Entscheidung von rotgrüner Minderheitsregierung und Gesundheitsamt, im vergangenen Frühjahr keinen Lockdown verhängt zu haben. Der Behörde wird unterstellt, in Schweden die Herdenimmunität anzustreben und dabei die Toten in Kauf genommen zu haben.

In dem Land mit zehn Millionen Einwohnern starben bislang 12.569 Menschen an oder mit Covid-19, über 622.000 Menschen haben sich mit SARS CoV-2 infiziert.

Die Gruppe um den irischen PR-Spezialisten Keith Begg wirkt schon seit Anfang April 2020 mit Kritik an zu wenigen Maßnahmen,  richtig laut um sie wurde es erst seit letzter Woche. Denn Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen „Sveriges Radio“ hatten Zugang zur Gruppe bekommen und vermeldeten in ihrem Bericht „Beunruhigendes“. Die Mitglieder würden die schwedische Nation als „gehirngewaschen“ ansehen, auch herrschte ein grober Ton sowie Nazivergleiche. Vom Radio befragte Kommunikationsexperten sehen eine Kampagne gegen Schweden und schwedische Interessen im Ausland, ähnlich wie zu Kriegszeiten.

Geschlossen sei die Facebookgruppe, so Begg, da man sich Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt sehen würde; der Kommunikationschef eines Umweltinstituts beteuert, dass es bei aller harter Kritik nicht darum ginge, dem Schwedenbild im Ausland zu schaden.

Außenwirkung kann den Aktiven des Watchdogs, zu der auch Ärzte und Wissenschaftler gehören, nachgewiesen werden. Sie äußerten ihre Kritik gegenüber der“Washington Post“, „Science“ sowie gegenüber „Time“ wo Andrew Ewing, ein Biochemiker der Universität Göteborg, im Oktober einen umfangreichen Artikel verfasst hatte.

Auch gebe es nach Aussagen schwedischer Medien Bemühungen, Druck in der EU auf die Krisenstrategie der rotgrünen Minderheitsregierung in Stockholm auszuüben.

Emma Frans, eine in Schwedens Medien präsente Epidemiologin, welche nach dem Willen der Gruppierung ebenfalls vor Gericht gehört, sieht diese als eine „Gefahr für die Demokratie“. Der Watchdog würde Journalisten und Wissenschaftler „systematisch schikanieren“ und einschüchtern, damit diese nicht mehr publizierten.

Polizeischutz für Wissenschaftler des Gesundheitsbehörde

Gemeint ist konkret der Epidemiologie-Professor Jonas Ludvigsson aus Örebro. Dieser erklärte in der vergangenen Woche, nicht mehr zum Thema Covid-19 forschen zu wollen, da er durch Drohungen keinen Schlaf mehr fände. Die Wut der Sonderweg-Gegner hatte seine im Januar publizierte Studie entfacht, welche belegte, dass das Ansteckungsrisiko in Grundschulen für Schüler wie Lehrer gering sei.

In Schweden sind derzeit die Schulen grundsätzlich offen. Die Schulleitung hat jedoch seit dem im Januar verabschiedeten „Pandemie-Gesetz“ die Empfehlung, bei einem lokalen Ausbruch auf Fern-Unterricht umzustellen. Dies ist typisch – man arbeitet in Schweden mit Empfehlungen, weniger mit Verboten. Personifiziert wird dies durch den Staatsepidemiologen Anders Tegnell, der letztens jedoch auch Restriktionen wie die Grenzschließung angeregt hatte. Das Vertrauen der Bevölkerung in das Gesundheitsamt ist jedoch mit der zweiten Welle, die im November einsetzte, gesunken – Ende Dezember lag es bei 47 Prozent, Ende Oktober standen noch 71 Prozent hinter den Entscheidungen der Behörde.

Gleichzeitig hat die Ablehnung an Schärfe zugenommen. Anders Tegnell, der Direktor der Behörde, Johan Carlsson sowie weitere leitende Mediziner des Gesundheitsamtes bekommen nun aufgrund der vielen Drohungen Polizeischutz, wie am Donnerstag schwedische Medien berichteten.

Auf der anderen Seite beklagen sich die Sonderwegkritiker über Drohungen und digitales Mobbing, so die 22 Forscher, deren Namen bekannt sind und welche seit dem Frühjahr Gegenpositionen veröffentlichten und sich zum „Wissenschaftsforum covid-19“ zusammengeschlossen haben. Einige von ihnen erklärten im Herbst, Schweden als Forschungsstandort zu verlassen, um nicht die permanenten Angriffe ertragen zu müssen. Ihre Kritik deckt sich in etwa mit der Watchdog-Gruppe, jedoch ist ihr Auftreten und ihr Ton gemäßigter.

Kritik an der Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senders

In der Zeitung „Aftonbladet“, eigentlich eher auf Seiten der regierenden Sozialdemokraten, wird der Vorwurf der „Stasi-Stimmungsmache“ gegenüber dem Radio erhoben. Die Verantwortlichen des Radios weisen eine zu einseitige Berichterstattung von sich. „Reporter ohne Grenzen“, welche von Media Watchdog aufgefordert wurde, das Land in seinem Pressefreiheitsindex herabzustufen, kam nicht nach.

Auch die bürgerliche Opposition gibt Contra zur offiziellen Krisenstrategie, teils ebenfalls mit harschen Tönen. Noch im Frühjahr wirkte die Autorität des Gesundheitsamtes und es wurde keine Kritik laut. Dies änderte sich im Sommer, als deutlich wurde, dass Schweden beim Schutz der alten Menschen im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarn versagt hatte.

„Vorsätzlich“ habe die Regierung Tausende an den Folgen von Covid-19 sterben lassen, so Ebba Busch Thor, Chefin der Christdemokraten, die im September zusammen mit den „Moderaten“ die rotgrüne Regierung unter Stefan Löfven ablösen will.

Angesichts der aus Großbritannien stammenden Mutante B117, welche in allen Regionen Schwedens bis auf Gotland nachgewiesen wurde, und die Warnungen vor der „Dritten Welle“, welche auch das Gesundheitsamt ausspricht, wird die Auseinandersetzung in Schweden kaum nachlassen.

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