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Warum Saudi-Arabien die Huthis im Jemen nicht besiegt hat

5. April 2021, Florian Rötzer

Im März führte das jemenitische Militär der „Huthi-Rebellen“ Raketen und Drohnen vor, die selbst entwickelt worden sein sollen.

Saudi-Arabien hatte schon 2015 den Sieg über die Huthis erklärt,  6 Jahre später bieten die eigentlich militärisch überlegenen Saudis einmal wieder einen Waffenstillstand an. Drohnen und Raketen haben den Huthis das Überleben gesichert.

Im März 2015 hatte Saudi-Arabien mit seiner Koalition an Alliierten und der Unterstützung durch die USA und Großbritannien die Operation Decisive Storm gestartet. Zwei Monate davor war Salman bin Abdulaziz Al Saud an die Macht gekommen, Anlass war nicht nur  der Vormarsch der Huthis, verbunden mit Teilen der jemenitischen Armee und anderen Anhängern des früheren Präsidenten Ali Abdullah Saleh, sondern der sich abzeichnende Abschluss des Iran-Abkommens, der Iran das Ende der Sanktionen in Aussicht stellte, wodurch das Land wirtschaftlich, aber auch militärisch stärker werden würde. Am 21. April wurde der Sieg erklärt, der Krieg ging weiter und verursachte eine weiter anhaltende humanitäre Katastrophe. 80 Prozent der Menschen im Jemen sind jetzt auf Hilfe angewiesen.

Deutlich wurde seitdem, dass auch eine militärisch hoch überlegene Streitkraft mit anfangs 150.000 Soldaten und zahlreichen Kampfflugzeugen, die auch ungehemmt zivile Ziele bombardierten, und Kriegsschiffen, die den Zugang zum einzigen Hafen Hodeida blockieren, einen weit schwächeren Gegner nicht unterwerfen kann, wenn dieser über eine gewisse Luftabwehr zumindest zum Abschuss von Drohnen und Hubschraubern und vor allem über eigene Raketen und Drohnen verfügt, mit denen auch Ziele im gegnerischen Land getroffen werden können. Die Taliban in Afghanistan und der IS in Syrien und im Irak konnten hingegen ihre Territorien nicht halten, weil sie weder über Flugabwehr noch über Flugzeuge, Raketen oder weitreichende Drohnen verfügten.

Schon länger versucht Saudi-Arabien – auch wegen der sinkenden Einnahmen aus dem Ölgeschäft, etwa beim größten Ölkonzern Saudi Aramco – sich aus dem Konflikt zurückzuziehen, der für das reiche Land nicht zu gewinnen zu sein scheint. Zuletzt wurde ein Waffenstillstand am 22. März mit einer Lockerung der Luft- und Meerblockade angeboten, was auch mit dem neuen US-Präsidenten zu tun hat, der eine andere Nahost-Politik als Donald Trump verfolgt und wieder anstrebt, das Iran-Abkommen fortzusetzen. Saudi-Arabien ist im Krieg gegen die Huthis und Verbündeten isolierter, die Huthis stehen vermutlich kurz vor der Einnahme von Marib, der größten Stadt des von Saudi-Arabien unterstützten nominellen Präsidenten Abd Rabbo Mansour Hadi kontrollierten Gebiets und der größten Öl- und Gasvorkommens Jemens, und damit einer Niederlage der saudischen Koalition.

Die Huthis, die Trump noch als Terroristen klassifizierte und die Biden wieder von der Liste nahm, lehnten das Waffenstillstandsangebot prompt ab, da das Angebot nur ein wieder aufgewärmter Vorschlag aus dem letzten Jahr sei, der nach längeren Gesprächen gescheitert war. Gefordert wird eine völlige Aufhebung der Blockade des Flugplatzes in Sana’a und des Hafens Hodeida. Seit Beginn des Jahres haben sie zudem ihre Raketen- und Drohnenangriffe auf saudische Ziele verstärkt. 2019 hatten die Huthis mit zielgenauen Angriffen mit Drohnen und/oder Raketen auf saudische Ölanlagen in Biqaiq und Khurais für Aufsehen gesorgt, weil u.a. die Patriot-Systeme nicht in der Lage waren, diese abzuschießen. Saudi-Arabien erklärte, die Angriffe seien aus dem Iran erfolgt, aber das war wohl nur ein Versuch, den Erzfeind direkt zu beschuldigen.

Die Huthis halten durch weit reichende Raketen und Drohnen die Bedrohung Saudi-Arabiens aufrecht. Sie können die großen Städte, auch die Hauptstadt Riad, und wichtige Ölanlagen erreichen und so schweren Schaden zufügen. Hatten sich die Huthis zunächst auf ballistische Raketen wie Scuds gestützt, so sind es jetzt mit Sprengstoff beladene Drohnen, die zielgenau angreifen und so tief fliegen können, dass sie die Raketen- und Flugabwehrsysteme austricksen können. Sie haben die Fähigkeit, Drohnen selbst zu bauen, möglicherweise mit der Hilfe Irans und iranischen Teilen.

Die bislang ausgereifteste Drohne soll mit 18 kg Sprengstoff beladen werden, eine Reichweite von 1500 km haben und mit 250 km/h fliegen. Dazu kommen Drohnen mit kürzerer Reichweite und Aufklärungsdrohnen. Saudi-Arabien musste dieses Jahr schon 45 Drohnenangriffe auf Städte und Ölanlagen einräumen. Riad liegt zudem nur 1000 km von der Grenze zu Jemen entfernt und wurde auch angegriffen.

Wenn Angreifer selbst zum Ziel werden können, wird eine militärische Intervention in Nachbarländer zu einem hohen Risiko. Die USA und die Nato konnten bislang ihre Kriege im Nahen Osten führen, ohne direkt bedroht zu sein. Iranische Raketen haben möglicherweise bereits eine Reichweite von 5000 km. Die USA haben angeblich deswegen ihr Raketenabwehrsystem in Rumänien und in Polen an der russischen Grenze eingerichtet, aber das war nur ein Vorwand, um Russland einzudämmen, das als Folge neue Waffensysteme entwickelte. Die USA wollen nun nicht nur Atomwaffen, sondern auch den Bau von Langstreckenraketen mit einem Wiederbeitritt zum Atom-Abkommen verhindern. Mit dem Wissen, dann einer militärischen Intervention schutzlos ausgesetzt zu sein, wird Iran diesen Schritt nicht gehen.

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