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Der grassierende Aberglaube im Reich der Mitte

17. November 2020, Zhang Danhong

Auch im China des 21. Jahrhunderts leben nicht wenige Formen des Aberglaubens fort. Wenn Unternehmergeist und Fleiß nicht ausreichen, soll ein wenig Zahlenmystik nachhelfen – um reich zu werden. Ein Beitrag von Zhang Danhong*

Ich wohne im 15ten Stockwerk einer Pekinger Siedlung, doch genau genommen ist es das 12te. Im Haus „fehlen“ ganze drei Etagen: die 4te, 13te und 14te. Der Grund: Die Zahl Vier („si“) klingt genauso wie das Wort für Tod („si“). Sie unterscheiden sich lediglich in der Tonhöhe. Die Todeszahl Vier und alle Zahlen, die mit ihr zu tun haben, etwa 14, 24, 34 usw., sucht man in den meisten Aufzügen Chinas vergebens. Was ist aber mit der Zahl 13? Nun, seit sich das Riesenreich 1978 dem Rest der Welt angeschlossen hat, neigen viele Chinesen dazu, alles aus dem Westen zu übernehmen. Das betrifft auch seine Unglückszahlen: Nicht jeder Immobilienentwickler ist abergläubisch, doch jeder hat Angst davor, die Wohnungen auf den entsprechenden Etagen nicht loswerden zu können.

Die Gründungsidee der Volksrepublik China basiert bekanntlich auf dem Marxismus. Demnach ist Religion „Opium fürs Volk“ und gehört abgeschafft. Der einzige Glaube, der jahrzehntelang existieren durfte, war der Glaube an den Kommunismus. Der Aberglaube lebt aber munter fort und treibt seltsame Blüten.

Das erste Mal, als ich mit dem Aberglauben konfrontiert wurde, war ich zehn Jahre alt. Nichts ahnend wollte ich an einem Februarmorgen zum Friseur. Da fragte meine Oma voller Ernst: „Willst Du, dass Deine Onkel sterben?“ Eine alte chinesische Weisheit besage, dass ein Friseurbesuch im Januar nach dem Mondkalender zum Ableben der Onkel führen würde. Da ich zwei Onkel habe, sei mein Vorhaben nicht nur unverantwortlich, sondern geradezu mörderisch. Ich teilte meiner Oma mit, dass ich für solchen Quatsch nichts übrig hätte. Am Ende ließ ich meine Haare schneiden, und meine beiden Onkel erfreuen sich 40 Jahre später immer noch bester Gesundheit.

Nun weiß ich aber, dass dieser Aberglaube auf ein historisches Missverständnis zurückzuführen ist. Am Anfang der Qing-Dynastie (17. Jahrhundert) wollten sich viele Chinesen der Anordnung seitens der neuen Fremdherrscher (Mandschu) nicht unterwerfen, die für die Haare auf dem Kopf galt. Sie verabredeten sich, im Januar die Friseurläden zu boykottieren. Diese Aktion wurde als „Sijiu“ (Gedenken der alten Zeiten) bezeichnet. Da „Sijiu“ phonetisch gleichlautend ist wie „Tod der Onkel“, jedoch nur in einer anderen Tonhöhe ausgesprochen wird, hat sich daraus diese Altersweisheit (oder auch Dummheit) entwickelt.

Ein anderes Mal wurde ich von meiner Oma zurechtgestutzt, als ich die Essstäbchen so in eine Schüssel voller Reis stellte, dass sie darin senkrecht steckenblieben. Oma meinte, das gehöre sich nicht, denn so sähe nur eine Schüssel vor dem Altar aus, die der Toten gedenken soll. Von ihr weiß ich auch, dass ich nach einem Alptraum, um das Unglück abzuschütten, das Kopfkissen umzudrehen habe. Und vom Unglück werde man heimgesucht, wenn das rechte Auge zittert; zuckt hingegen das linke Auge, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man einen Tick reicher wird.

Während man das Augenzucken nicht steuern kann, könnte man Pechsträhne vermeiden, indem man vor dem Kauf einer Immobilie oder vor der Möblierung einer neuen Wohnung einen Fengshui-Meister zu Rate zieht. Ein Baum gehört jedenfalls nicht direkt vor ein Haus: Er könnte dem Gott des Reichtums im Wege stehen.

Der chinesische Aberglaube zielt also auf die Vermeidung des Todes und die Mehrung des Reichtums. Dass die Zahl Acht („ba“) der Aussprache nach dem Wort des Reichwerdens („fa“) ähnelt, macht die Acht zur Lieblingszahl der Chinesen. Wohlhabende geben Unsummen aus, um ein Autokennzeichen mit lauter Achten zu ergattern. Sogar die atheistische Kommunistische Partei Chinas machte sich einen Spaß daraus, als sie die Olympischen Spiele 2008 an einem 8. August abends um 8 Uhr 8 eröffnen ließ.

Die Zahl Acht verdankt ihre steile Karriere nicht zuletzt der Öffnungspolitik der chinesischen Regierung Ende der 1970er Jahre. Während davor alle Chinesen gleich arm waren, durfte von nun an ein Teil zuerst reich werden. Wenn Unternehmergeist und Fleiß nicht ausreichten, sollte ein wenig Aberglaube nachhelfen.

Die eigentliche Glückszahl in China ist jedoch seit jeher die Zahl Sechs. Taucht sie auf, geht alles bergauf, das wussten schon die alten Chinesen. Dass mein Geburtsdatum gleich viermal die Sechs enthält, kann durchaus als ein gutes Omen gesehen werden.

Apropos Geburtstag: Nicht selten frönen auch die Deutschen ein bisschen des Aberglaubens. So könne es Unheil bringen, wenn etwa jemand zu früh zum Geburtstag gratuliert. Das aber ist in China gang und gäbe. Eine nachträgliche Gratulation wäre dagegen ein Affront, der nichts anderes heißt, als dass der Geburtstag eines Freundes schlichtweg vergessen wurde. Statt sich die Blöße zu geben, sollte man lieber ein knappes Jahr warten, um rechtzeitig alles Gute zu wünschen.

*Zhang Danhong, geboren 1966 in Peking, studierte Germanistik an der Peking-Universität. 1988 folgte die Auswanderung nach Deutschland. Nach 30-jähriger Betriebszugehörigkeit kündigte sie Ende 2019 bei der Deutschen Welle. Dort war sie jahrelang stellvertretende Leiterin der China-Redaktion, bis sie 2008 Zielscheibe einer Kampagne wurde und im Zuge dessen ihrer leitenden Funktion enthoben wurde. Mittlerweile lebt sie als Publizistin in Peking.

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