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Estlands Lockdown und das Sputnik-Problem

15. März 2021, Jens Mattern

Sputnik 5 wird in Estland mit einer großen russischen Minderheit zum politischen Problem. Bild: Sputnik V

Die Regierung des baltischen Staats hat einen radikalen Lockdown erlassen, gleichzeitig gibt es einen Konflikt um Sputnik V.

Seit Donnerstag sind in dem kleinen baltischen Land Geschäfte bis auf Lebensmittelläden, Restaurants und Schulen geschlossen, in der Öffentlichkeit ist nur eine „Versammlung“ von zwei Personen erlaubt, die zwei Meter Abstand halten müssen.

„Das Hauptproblem ist, dass sich die britische Mutante in der Gesellschaft sehr schnell ausbreitet.“ mit diesen Worten rechtfertigt die estnische Premierministerin Kaja Kallas im Parlament, den Lockdown, der vorerst bis 11. April gilt.

Jüngst wurden in Estland innerhalb einer Woche pro hunderttausend Einwohner 776 Neuinfektionen fest gestellt, damit hat Estland in der Sieben-Tage-Inzidenz in Europa den einstigen Spitzenreiter Tschechien überholt.  Täglich um die 1500 Neuinfektionen vermeldet das Gesundheitsamt, eine hohe Zahl für ein Land mit 1,1 Millionen Einwohnern.

Die liberal-konservative Politikerin definierte drei Ziele: Das Gesundheitssystem dürfe nicht kollabieren, die Infektionsketten sollten durchtrennt und die Impfrate müsste erhöht werden, rund 12 Prozent der Bevölkerung haben bereits die erste Vakzination erhalten.

In Estland wurden bislang 84.807 Infektionen mit SARS-CoV-2 festgestellt, es starben 719 Menschen mit oder an Covid-19. Derzeit sind 693 Personen mit Covid-19 hospitalisiert, der estnische Gesundheitsminister Tanel Kiik versprach die Kapazität von 800 Betten auf 951 anzuheben. Das Gesundheitsamt bereitet sich bereits auf den allerhöchsten Notstand vor, der bei 1500 Patienten gegeben wäre.

Lange war die Lage in Estland entspannt, das Land setzte im vergangenen Frühjahr einen Lockdown um, lockerte dann wieder. Zudem sorgte das digital fortschrittliche Land mit ausgetüftelten Homeschooling-Angeboten, Startup-Treffs gegen die Pandemie und dem künftigen digitalen Impfpass für Zuversichts-News.

Doch die Zahlen stiegen im Dezember dann wieder deutlicher an, wobei bis vergangenen Mittwoch auch Fitnessstudios geöffnet waren. Allein für die Region Tallinn gab es einen regionalen Lockdown um Neujahr. Dabei sollen die Hauptstadtbewohner in andere Landesteile gefahren sein und hätten so zur weiteren Verbreitung beigetragen.

Die Maßnahmen kommen zu spät, meinen Kritiker. Unter ihnen ist auch Andres Merits, ein führender Virologe des Landes. Er berechnet den Anteil der infektiöseren Mutante B117 auf bislang zehn Prozent und sieht sie nicht als Hauptursache des Anstiegs.

Ein Faktor, so Medienberichte, sei die Impfskepsis vor allem unter dem Pflegepersonal, was sich in den Krankenhäusern fatal auswirke.

Russische Minderheit stark betroffen

Als Hotspot gilt der Stadtteil Lasnamäe, welcher fast ausschließlich von der russischen Minderheit bewohnt wird, hier liegt der Sieben-Tage-Inzidenzwert bei 1000, schon Ende des Jahres galt das Viertel mit seinen 100.000 Einwohnern wie auch die homogen russischsprachige Grenzstadt Narva als Hotspot.

Der Grund sei, so ein lokaler Krankenhausdirektor, dass die Menschen in den Plattenbauten beengt beieinander wohnen. Medienberichte verweisen auf ein hohe Impfskepsis unter der russischsprachigen Minderheit, die etwa landesweit ein Viertel der Bevölkerung ausmacht. Das estnische öffentlich-rechtliche Fernsehen ERR berichtet, dass die große Minorität kaum das Angebot der estnischen Medien nutzte, sondern sich vor allem via Fernsehen und Internetportalen aus Russland auf dem Laufenden halte.

Manche wollen keine „Giftinjektion aus Europa“

Auf der anderen Seite ist ein Teil der Bevölkerung unzufrieden, dass der russische Impfstoff Sputnik V nicht vom östlichen Nachbarland geordert wird. Das Vektoren-Vakzin wird von der Europäischen Arzneimittel-Agentur aktuell noch geprüft, die estnische Regierung will darum eine EU-Entscheidung abwarten.

Moskau lockt bereits denjenigen Teil der Esten, der eine russische Staatsbürgerschaft besitzt, sich in der Russischen Föderation impfen zu lassen. Es gibt nun estnische Presseberichte, wonach ältere russischsprachige Bewohner gegenüber ihren Ansprechpartnern beim Gesundheitswesen erklären, sie wollten keine „Giftinjektion aus Europa“, sondern eine Sputnik-Impfung.

Auch der Tallinner Bürgermeister Mihhail Kõlvart, Mitglied der Zentrumspartei, die der russischen Minderheit nahe steht, fordert Sputnik V für seine stark von Covid-19 betroffene Stadt, in der ein Drittel aller Esten leben.

Dem schließt sich die rechte Estnische Konservative Volkspartei (EKRE) an, welche bis Januar mitregierte. Parteichef Mart Helme verlangt, dem Beispiel Ungarn zu folgen, das chinesischen wie russischen Impfstoff geordert hatte. Es gebe kein politisches, sondern ein medizinisches Problem, so der Politiker, der bis Januar als Finanzminister wirkte.

Dilemma für die Regierung

Die Regierung sieht dies anders. Die seit Januar bestehende Koalition aus der wirtschaftsliberalen Reformpartei und der eher linken Zentrumspartei, steht vor einem Dilemma. Sie muss die Verbreitung des Virus effektiv und schnell stoppen, gleichzeitig will das Land nicht innerhalb der EU aus der Reihe tanzen und schon gar nicht mittels einer Sondernummer mit Russland.

Für den baltischen Staat ist die Einheit der europäischen Gemeinschaft von entscheidender strategischen Bedeutung, da Estland nur im Verbund eine Chance hat, seiner Stimme bei Differenzen mit dem großen Nachbarn Gehör zu verschaffen. In den estnischsprachigen Medien wird auch darauf hingewiesen, dass 62 Prozent der Bewohner Russlands Sputnik V ablehnen würden.

Und die konservative estnische Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid  tut den Druck, das russische Präparat zu nutzen, als „Propaganda“ ab.

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