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Nach dem Tod von Elyas Dahee

16. November 2020, Emran Feroz

Tod, Ausbeutung und blinde Flecken in der westlichen Berichterstattung über Länder wie Afghanistan. Ein Beitrag von Emran Feroz*.

In der vergangenen Woche herrschte in der afghanischen Medienszene abermals Trauer. Der Grund: Der Journalist Elyas Dahee wurde durch einen gezielten Angriff in der südafghanischen Provinz Helmand getötet. Sein Bruder, ebenfalls Journalist, wurde verletzt. Die beiden Brüder waren vor allem für ausländische Medien tätig, darunter etwa Radio Free Liberty Europe, in Afghanistan bekannt als Radio Azadi, sowie die Deutsche Welle. Die Identität der Täter ist weiterhin unklar. Keine Gruppierung bekannte sich zu dem Anschlag. Fakt ist allerdings, dass Afghanistan aktuell das wohl tödlichste Land für Journalisten ist.

Dahee ist der zweite afghanische Journalist, der innerhalb einer Woche getötet wurde. Kurz zuvor wurde Yama Siawash, der einst beim afghanischen Privatsender Tolo News tätig war, durch einen Anschlag in der Hauptstadt Kabul getötet.  Zu unterstreichen ist in diesem Kontext, dass alle Kriegsakteure gegen Medienschaffende, Intellektuelle und Dissidenten vorgehen. Dies betrifft nicht nur die Taliban, die von der westlichen Berichterstattung die meiste Aufmerksamkeit erhalten, sondern mittlerweile auch die afghanische IS-Zelle und auch die afghanische Regierung sowie ihre Sicherheitsorgane, allen voran ihren Geheimdienst, den NDS (National Directorate of Security), sowie einzelne afghanische Milizen, die im Laufe des Krieges von der CIA geschaffen wurden und bis zum heutigen Tage subventioniert werden, während sie jegliche Straffreiheit genießen.1, 2, 3

Es liegt nahe, dass einer der genannten Akteure Dahee auf dem Gewissen hat. Allerdings hat seine Ermordung eine weitere Debatte ausgelöst, die hoffentlich erhalten bleibt und auch in Zukunft geführt wird, nämliche jene über den Umgang mit afghanischen Lokaljournalisten, die als sogenannte Fixer von ihren privilegierten, westlichen Kollegen oftmals in vielerlei Hinsicht ausgebeutet werden.

Bei Fixern handelt es sich im journalistischen Jargon um Personen, die vor allem in Kriegsregionen sowie in Ländern des Globalen Südens ausländischen – meist westlichen – Journalisten Zugang zu gewissen Themen, Regionen und Personen ermöglichen, oftmals unter Einsatz des eigenen Lebens. In vielen Fällen agieren Fixer auch als Übersetzer und kulturelle Brückenbauer. Trotz seiner Professionalität wurde auch Dahee von seinen westlichen Kollegen als ein Fixer betrachtet, der ebenjenen Zugang ermöglichte. Immerhin lebte und arbeitete er in Helmand, das seit Jahren zu den bekanntesten Unruheherden Afghanistans gehört und in regelmäßigen Abständen kurz vor der kompletten Taliban-Eroberung stand.

Kurz nach Dahees Tod meldeten sich zahlreiche nicht-afghanische Journalisten, Wissenschaftler und Aktivisten in den Sozialen Medien zu Wort. Sie drückten ihr Beileid aus und bedankten sich gleichzeitig ein letztes Mal für die „gemeinsame Mitarbeit“. Dies machte allerdings stutzig. In all den Berichten und Fallstudien von namhaften Medien und Institutionen, die ebenjene Personen vertreten, konnte man nämlich so gut wie nirgends den Namen Elyas Dahee finden. In einigen Fällen hat diese Anonymität Sicherheitsgründe. Auch ich habe Kollegen vor Ort, die im Gegensatz zu mir dort nicht nur arbeiten, sondern eben auch leben und aufgrund ihrer Arbeit stets gefährdet sind. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es um prekäre Themen geht, die mächtige Personen und Gruppierungen betreffen, die nicht davor zurückschrecken, Journalisten zu töten. In solchen Fällen ist eine Anonymisierung nachvollziehbar und absolut notwendig. Doch in vielen Fällen – und da bin ich mir ziemlich sicher – hat Dahees Unsichtbarkeit allerdings nicht nur damit zu tun, sondern auch mit der Tatsache, dass der westliche Kollege sich einfach selbst in den Vordergrund stellen wollte.

Dies gehört leider seit Jahren zum Alltag in Afghanistan und anderswo. Menschen wie Dahee machen die Hauptarbeit und riskieren ihr Leben, während Lob, Anerkennung und sogar auch Preise – wie die Relotius-Affäre in Deutschland deutlich gemacht hat – in London, Washington oder Berlin von anderen eingeheimst werden. Hinzu kommt natürlich die Frage, inwiefern die Resultate überhaupt die Realität vor Ort tatsächlich reflektieren. Es gibt Journalisten, die etwa nach Drehbuch vorgehen. Sie suchen nahezu krampfhaft eine Geschichte, die bereits in ihrem Kopf existiert, doch vor Ort womöglich kaum auffindbar ist. Dies führt zu einem Druck bei den mitarbeitenden Fixern, die in erster Linie nicht an Ruhm, Prestige und Anerkennung interessiert sind, sondern an das blanke Überleben. Denn sie sind es, die inmitten von Krieg und Armut leben und ihre Familien ernähren müssen.

Die beschriebene Problematik wird in vielen Redaktionen allerdings kaum bis gar nicht zur Kenntnis genommen. Dies ist nicht verwunderlich, denn die Hierarchien sind oftmals klar. Der weiße Mann (ja, oftmals sind es tatsächlich Männer) weiß nämlich, wo es lang geht. Der Einheimische ist nur eine Stütze. Eine Stütze, ohne die praktisch nichts möglich wäre und kulturelle sowie sprachliche Barrieren unüberwindbar wären, sodass in westlichen Abendnachrichten, im Dokumentarfilm oder in einer spannenden Textreportage quasi nichts mehr vorhanden sein würde.

Doch was soll’s? Die einheimische Stütze sollte gefälligst dankbar sein. Immerhin haben die meisten Menschen in dem Land gar keinen Job oder verdienen bei Weitem nicht so gut wie sie. Genau mit dieser Einstellung wird oftmals vor Ort vorgegangen. Rassismus, Orientalismus, Arroganz und Ignoranz gehören dabei zum Alltag. Und zugegeben, die Geschichten einiger Kollegen, die als „Fixer“ tätig gewesen sind, würden womöglich die Karrieren oder zumindest das Bild von einigen bekannten Journalisten in Grund und Boden erschüttern. Selbiges gilt dann natürlich auch für all jene namhaften Medien, die wir jeden Tag konsumieren und schätzen.

Elyas Dahee war jemand, der mutig sein Leben riskierte und dem wir viele Einblicke zu verdanken haben. Umso trauriger ist die Tatsache, dass sein Name aufgrund des Egoismus’ und der Selbstinszenierung anderer erst nach seiner Ermordung berühmt wurde.

 

*Emran Feroz, geboren 1991, arbeitet als freier Journalist mit Fokus auf Nahost und Zentralasien, unter anderem für Die Zeit, taz, Al Jazeera und die New York Times. Er berichtet regelmäßig aus und über Afghanistan und den US-amerikanischen Drohnenkrieg und hat mit „Tod per Knopfdruck“ (2017) ein Buch darüber geschrieben. Feroz ist Gründer von „Drone Memorial“ (www.dronememorial.com), einer virtuelle Gedenkstätte für zivile Drohnenopfer.

 

 


  1. Bericht zum Attentat auf Dahee: https://www.hrw.org/news/2020/11/12/afghanistan-journalist-murdered-helmand
  2. Bericht zur Tötung Yama Siawashs: https://www.aljazeera.com/news/2020/11/7/former-afghan-tv-presenter-killed-in-explosion-in-capital
  3. 2018 war Afghanistan offiziell das tödlichste Land für Journalisten. Es gehört neben Ländern wie Syrien und Mexiko meist zu den jährlichen Spitzenreitern: https://www.forbes.com/sites/niallmccarthy/2018/12/19/the-deadliest-countries-for-journalists-in-2018-infographic/

 

 

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