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Polen: Streit um die Politisierung von Auschwitz

3. Mai 2021, Jens Mattern

Auschwitz II. Bild: pzk net/CC BY-3.0

Viele nationalkonservative Ideologen wollen das Leiden der nichtjüdischen Polen auf eine Stufe mit der Shoah stellen. Es geht um die Leitung des „Auschwitz Rats“ und des „Internationale Auschwitz Rats“.

In Polen zieht der Streit um eine mögliche Politisierung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau immer weitere Kreise. Dabei geht es formal um eine umstrittene Einberufung sowie um eine Blockade von Seiten der Regierung.

Nachdem die ehemalige Premierministerin Beata Szydlo am 13. April von Kulturminister Piotr Glinski in den „Auschwitz Rat“ berufen wurde, sind bereits vier der zehn Experten aus dem Gremium ausgetreten. Der renommierten Konservator Edward Kosakowski, der sich in der vergangenen Woche verabschiedete, wies mit Szydlo auf eine „schrittweise Politisierung“ der Gedenkstätte hin.

Die 58-Jährige, die zwischen 2015 bis 2017 regierte, bemängelte, dass das Schicksal Witold Pileckis in Auschwitz zu wenig thematisiert würde. Der Offizier der polnischen Untergrundorganisation „Heimatarmee“ ließ sich 1940 in das Lager einschleusen und entkam 1943, um den Alliierten einen Bericht über die Vernichtung der Juden in Auschwitz-Birkenau zukommen zu lassen. Ihm wurde nicht geglaubt. Szydlo gilt als engagierte Streiterin für ein Geschichtsbild, bei dem das Leiden und die Opferbereitschaft der Polen unter deutscher Besatzung und später im stalinistischen Polen im Vordergrund steht.

Auch die Opposition fordert den Rücktritt von Beata Szydlo, welche für kämpferische und ruppige Auftritte bekannt ist, ihr fehle die fachliche Kompetenz. Ihre Einberufung gilt als möglicher erster Schritt, Direktorin der Gedenkstätte zu werden, worum sie sich schon einmal vergeblich gemüht hatte.

In dem Antrag der Opposition wurde auch eine umstrittene Äußerung Szydlos aufgeführt. Die damalige Regierungschefin sprach im Juni 2017 anlässlich des 77. Jahrestag der ersten Deportation in das Konzentrationslager, dass Auschwitz „in den heutigen unruhigen Zeiten eine große Lehre sei, dass man alles tun müsse, um seine Staatsbürger zu schützen“. Im Jahr 1940 wurden vor allem politische polnische Häftlinge in das Lager eingeliefert, als noch keine Gaskammern errichtet waren.

Dennoch hielten viele Politiker die Rede für unangebracht, zumal einige sagten, dies könne auch als Hinweis auf mögliche Abwehr auf Flüchtlinge gelesen werden.

Mehrere Familien von Überlebenden sowie die 99-jährige ehemalige Auschwitz-Inhaftierte Halina Urbaszek-Litwiniszyn argumentieren in einem offenen Brief an Premierminister Mateusz Morawiecki mit dem „Ausschluss von Flüchtlingen“ gegen die Berufung.

Der „Auschwitz Rat“, international kaum bekannt, wird von dem polnischen Kulturminister einberufen, dient zur Beratung der Regierung und kontrolliert die Museumsleitung. Glinski will weiterhin an Szydlo festhalten, er verweist auf die Erfahrung der studierten Völkerkundlerin im Museum der Stadt Krakau.

„Kampf um die Erinnerung“

Das Bemühen der Regierung unter Mateusz Morawiecki, die Deutungshoheit über die Historie zu erlangen, betrifft auch ein weiteres Gremium – den „Internationalen Auschwitz Rat“, der 2000 von dem damaligen polnischen Premierminister Jerzy Buzek ins Leben gerufen wurde und nicht mit dem „Internationalen Auschwitz Komitee“ zu verwechseln ist, das1952 von Überlebenden gegründet wurde .

Dieser Rat mit etwa 25 Mitgliedern wurde von dem ehemaligen polnischen Außenminister und Auschwitzhäftling Wladyslaw Bartoszewski bis zu seinem Tod 2014 geleitet. Nachdem die sechsjährige Kadenzzeit 2018 abgelaufen war, ist bislang kein neues Gremium von Premierminister Mateusz Morawiecki neu einberufen worden. Eine offizielle Begründung für diese Blockade gibt es nicht.

Die liberalen Medien vermuten, dass die bisherigen Wissenschaftler der Führung in Warschau nicht genehm waren, vor allem nicht die Vorsitzende Barbara Engelking, die sich auch mit dem polnischen Antisemitismus während des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzt.

Dabei will die nationalkonservative Regierung der Welt kommunizieren, dass viele Polen Juden während der deutschen Besatzung geholfen hatten. Dies ist auch richtig – in dem israelischen Gedenkzentrum Yad Vashem nimmt Polen die erste Stelle unter den „Gerechten unter den Völkern“ ein, eine Auszeichnung für diejenigen, welche Juden vor der Holocaust gerettet haben.

Engelking fehle es für ihre Position im Rat hingegen an „polnischer Sensibilität“, so formulierte es Vizepremier Jaroslaw Gowin, der auch auf ihre „kontroversen Forschungen“ hinwies. Anfang des Jahres wurde die Historikerin von einem polnischen Gericht wegen eines Faktenfehlers in einer Dokumentation zu einer Entschuldigung verurteilt.

Der Internationale Auschwitz Rat ist für weitere Holocaust-Gedenkstätten in Polen verantwortlich und wichtiger Ansprechpartner für Institutionen vor allem in Israel und den USA, die sich mit dem Gedenken an die Vernichtung der Juden befassen.

Piotr Cywinski, der Direktor der Erinnerungsstätte, mahnt darum in einem aktuellen Interview, dass es Bestrebungen von nicht genannten „Gesprächspartnern“ aus dem Ausland gebe, einen „Internationalen Auschwitz Rat“ ohne Beteiligung der polnischen Regierung einzuberufen. Dies wäre zum großen Schaden des Landes.

Auf diese Kritik hin versprach Premier Mateusz Morawiecki einen neuen Rat einzuberufen, ohne weitere Einzelheiten zu verraten. Kaum anzunehmen, dass die Auswahl keinen politischen Sprengstoff haben wird.

Sollte die PiS wirklich beabsichtigen, im sogenannten „Kampf um die Erinnerung“ auch die Gedenkstätte Auschwitz, wie etwa das Museum zum Zweiten Weltkrieg in Danzig, politisch kontrollieren zu wollen, so droht eine internationale Kontroverse mit unberechenbaren Folgen. Denn viele nationalkonservative Ideologen wollen das Leiden der nichtjüdischen Polen auf eine Stufe mit der Shoah stellen oder zumindest eine entsprechende Erinnerungskultur auf internationaler Ebene etablieren. In der westlichen Öffentlichkeit wird dieses Denken nicht geteilt.

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