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Portugal hängt in einer dramatischen Covid-Lage fest

3. Februar 2021, Ralf Streck

Schlange vor der Essensausgabe der Vereinigung für soziale Aktivitäten im Stadtteil des 2. Mai. Bild: R. Streck

Die soziale Situation spitzt sich in Portugal zu, zur Angst vor der sich ausbreitenden britischen Virusvariante kommen immer stärkere Zukunftsängste.

Die Stimmung in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ist noch schlechter als vor den Präsidentschaftswahlen am 24. Januar.  Sie ist inzwischen fast noch trauriger als das Wetter: Weiter ziehen dunkle Wolken vom Atlantik kommend über die Stadt, die sich nun fest in der Hand der aggressiveren britischen Coronavirus-Variante befindet. Den Besucher beschleicht das Gefühl, dass sich ein Angstschleier über einem stillen Zentrum ausgebreitet hat. Die Regenschauer vertreiben immer wieder die wenigen Menschen, die sich noch in der gespenstisch wirkenden Innenstadt aufhalten. Dass seit Mitte Januar wieder ein verschärfter Lockdown herrscht, Homeoffice Pflicht ist, macht sich hier besonders bemerkbar.

Krankenwagen, die mit heulenden Sirenen in Richtung überlasteter Krankenhäuser fahren, weisen auch optisch und akustisch stets auf die gravierende Lage hin, in der sich Portugal und Lissabon im Besonderen befindet. Das Gesundheitssystem ist längst am Anschlag, alle 850 Betten der Intensivstationen auf dem Festland sind belegt. Patienten werden auf portugiesische Inseln und nach Österreich ausgeflogen. Auch Kühllaster wurden an Hospitälern platziert, da auch Leichenhallen überlastet sind. Vor einigen Krankenhäusern gibt es Krankenwagen-Schlangen, da auch Notaufnahmen überlastet sind. Es fehlen Beatmungsgeräte, sogar der Sauerstoffvorrat ist knapp, pensionierte Ärzte und Medizinstudenten werden möbliert, um den Kollaps abzuwenden. Ein 26-köpfiges Team aus Ärzten, Pflegefachkräften und Hygiene-Experten der Bundeswehr wurde am Mittwoch nach Lissabon entsandt, die auch 50 Beatmungsgeräte und jeweils 150 Infusionsgeräte und weiteres Hilfsmaterial im Gepäck hatten.

Portugal kann die Hilfe gut gebrauchen. Das Land, das sehr gut durch die erste und zweite Welle gekommen war, ist nun weltweit der Hotspot mit der höchsten 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner. Lissabon weist mit knapp 2.000 sogar fast die dreifache Inzidenz des Landesdurchschnitts auf, die am späten Dienstag bei 765 lag. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im Durchschnitt 90 ermittelt, in Berlin 81.  Verantwortlich dafür wird die die britische Variante gemacht. Während sie im Landesdurchschnitt für etwa 20 % aller Neuinfektionen verantwortlich gemacht wird, sind es der Hauptstadt schon mehr als 50 %.

„Ich habe große Angst“

Die sich dramatische zuspitzende Lage zwang Portugal auch gerade dazu, die Notbremse zu ziehen. Nach dem verordneten Lockdown Mitte Januar wurden die Landgrenzen zu Spanien für zwei Wochen geschlossen.  Nur wenige Übergänge sind für den Warenverkehr und dringende Angelegenheiten noch geöffnet, einige weitere für Grenzgänger jeweils zwei Stunden am Morgen und Abend. Der internationale Flugverkehr ist praktisch eingestellt.

„Ich habe große Angst“, erklärt die Brotverkäuferin Isabel Andrade. Auch sie hat sich nun die teureren FFP2-Masken zugelegt, hinter der sie noch schwerer als hinter der Operationsmaske zu verstehen ist. Sie verweist auf nun etwa 300 Tote täglich und die Tatsache, dass die aggressivere britische Variante des Virus häufiger auch jüngere Menschen wie sie ins Krankenhaus, auf Intensivstationen oder in die Leichenhallen bringt. Da Portugal nur gut 10 Millionen Einwohner hat, wären das auf Deutschland etwa 2.500 Corona-Tote täglich. Allein im Januar stellte das Land einen traurigen tödlichen Rekord auf. 5.576 Covid-Tote wurden verzeichnet. Da waren fast 45 % aller Todesfälle der gesamten Pandemie, bisher insgesamt 13.017.

Andrade hofft, dass die bessere Maske sie in einem der wenigen Läden schützt, die im Zentrum überhaupt noch geöffnet sind. „Ich bin ja froh, weiter Arbeit zu haben“, sagt sie angesichts steigender Arbeitslosigkeit. Es wäre ihr aber nicht unlieb, nun ins Heer der Kurzarbeiter übernommen zu werden, um zu Hause bleiben zu können. Offiziell waren im Dezember gut 402.000 Arbeitslose gemeldet, 30 % mehr als im Vorjahresmonat. Real ist die Zahl aber viel höher, meinen Experten. Da nur etwa ein Drittel auch Arbeitslosengeld erhalte, würden sich viele nicht melden. Offiziell liegt die Quote  saisonbereinigt nur bei 6,5%, wie die Europäische Statistikbehörde Eurostat meldet. Demnach wäre sie von September (7,9 %) sogar deutlich gesunken und weiter unter dem Durschnitt im Euroraum.

Die Beschäftigten von Leonardo Coelho befinden sich nun wieder im „Layoff“, wie Kurzarbeit auf Neuportugiesisch genannt wird. Der nette ältere Herr betreibt unweit der Bäckerei eine Pension. Letzte Woche wurde sie wieder geschlossen. „Ich hatte nur noch einen Gast“, sagt er. Dass sich das nicht rechnet, liegt auf der Hand. Er und seine Leute haben aber das Glück, dass der Staat die Lohnkosten und auch die Sozialleistungen der Betriebe übernimmt, denen die Umsätze um 75 % eingebrochen sind. Die Lage ist damit deutlich besser als die in Spanien, wo Kurzarbeiter nur 75 % des Lohns erhalten und auch Kleinunternehmer die Sozialversicherungsanteile bezahlen müssen.

Dramatische Wirtschaftslage

Das ist sicher ein Grund, warum die Wirtschaft zwar 2020 mit 7,6% so stark eingebrochen ist wie nie zuvor, aber deutlich weniger krass als die 11 % beim Spitzenreiter Spanien. Der portugiesische Nachbar, so Daten der EU-Kommission, lag 2020 abgeschlagen am Ende bei den Ausgaben im Haushalt, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu dämpfen. Die eingesetzten Mittel lagen weit unter denen, die zur Stimulierung der Ökonomie in der Finanzkrise ausgegeben wurden.

„Unter spanischen Bedingungen hätte ich auch längst schließen müssen“, meint Coelho, der die Proteste der Kollegen im Nachbarland versteht, die man in Portugal nicht sieht. Dort sind oft die versprochenen Mittel aus dem vergangenen Jahr meist noch nicht angekommen. Aber auch der portugiesische Hotelier weiß nicht, wie lange er noch durchhalten kann, schließlich laufen andere Kosten weiter. Er hofft nun auf direkte Staatshilfe. Im Haushalt 2021 sind 375 Millionen Euro für Künstler, das Hotel- und Gaststättengewerbe und andere vorgesehen.

Die Lage für die, die in Portugal am Tourismusgeschäft hängen, ist schwer. Nackte Zahlen der portugiesischen Statistikbehörde beschreiben das Drama einigermaßen. So sind im vergangenen Jahr die Zahl der Touristen und die der Übernachtungen im Vergleich zu 2019 um mehr als 60 % eingebrochen. Bei den Übernachtungen ist das Land mit einem Schlag um fast 30 Jahre in die Vergangenheit katapultiert worden. Eine niedrigere Zahl wurde zuletzt 1993 verzeichnet.

Antonio hat dagegen längst schon viel existenziellere Probleme. Der Taxifahrer verlor schon im ersten Lockdown den Job. „Meine Lage ist sehr schwierig“, sagt er. „Meine Frau ist sehr krank“, fügt er an. Er könnte nicht einmal arbeiten, wenn es welche gäbe. „Ich steht vor dem Nichts“, erklärt er in der Einrichtung der Vereinigung für soziale Aktivitäten im Stadtteil des 2. Mai. Seit acht Monaten kommt er täglich in die gut durchlüftete Halle, einst ein Pferdestall des nahegelegenen Königspalasts, um für sich und seine Frau Essen zu bekommen, das hier an bedürftige Menschen ausgegeben wird. „Hier wird uns sehr geholfen“, sagt er, und kann Tränen dabei kaum zurückhalten. Seine Lage wäre noch verzweifelter, würde er hier nicht unterstützt. Er hätte sonst vor der Frage gestanden: Essen oder Miete bezahlen und damit eine Räumung riskieren.

Der Taxifahrer Antonio erhält seit mehr als acht Monate Essen in der Vereinigung. Bild: R. Streck

Der Taxifahrer fragt die Leiterin der Vereinigung, ob er etwas mehr bekommen könne, da nun auch noch sein Sohn seine Stelle verloren habe und er nun wieder bei den Eltern wohne. Die kleine Daniela Freitas schaut ihn mit ihren ausdrucksstarken braunen Augen an, reicht ihm etwas mehr Obst über den Tisch, da die täglich frisch gekochten Mahlzeiten abgezählt sind. „Teile deine neue Situation der Behörde mit, damit auch dein Sohn in die Liste aufgenommen wird“, erklärt ihm die energische junge Frau. Sie hält die Liste mit den Menschen hoch, denen nach Prüfung die Versorgung zugestanden wurde.

Auch sie fürchtet sich vor einer Ansteckung. Freitas trägt eine OP-Maske über der FPP2-Maske. Ein Schutzschirm vor dem Gesicht schützt sie zusätzlich. Sie wechselt sich mit einer Kollegin an verschiedenen Tagen hier in der Einrichtung ab, damit sie nicht zusammentreffen und plötzlich beide Leiterinnen wegen einer Infektion ausfallen. Denn ihre Arbeit nehmen die Beschäftigten hier sehr ernst. Schließlich werden allein am Stadtrand von Lissabon 54 Familien, deutlich mehr als 200 Menschen, täglich mit dem nötigen Essen versorgt.

Gekocht wird in einer Küche, die zur Kindertagesstätte gehört, denn das ist die eigentliche Aufgabe der Vereinigung. Doch auch sie wurde im Lockdown geschlossen und dient jetzt als Basis für die Lebensmittelhilfe. „Im Stadtteil weiter oben gibt es noch eine Tageseinrichtung von uns für alte Menschen“, fügt die quirlige Projektleiterin an. Dort habe man schon im ersten Lockdown März begonnen, Essen zu kochen und zu verteilen. Hier habe man etwas später begonnen, als die Not immer größer wurde.

„Die Armut hat sich massiv ausgebreitet“

Alte oder kranke Menschen, die selbst nicht mehr das Essen abholen können, werden über Essen auf Rädern beliefert. Bezahlt werden Löhne, Essen und Ausgaben von der Stadtverwaltung, die diese Aufgabe an Vereinigungen wie diese hier abgeben hat. Eingekauft wird in einem Großmarkt, Fisch und Fleisch wechseln sich im Speiseplan ab, um eine ausgewogene Ernährung zu gewährleisten. Als Vorspeise gibt es, wie üblich, eine Gemüsesuppe. Hier kommen weder Lebensmittelspenden noch freiwillige Helfer zum Einsatz, erklärt Freitas. Das ist anders als bei Tafeln der katholischen Kirche, die man zudem in vielen Stadtteilen findet. Es sollen Arbeitsplätze erhalten oder geschaffen werden. Die Kindergärtnerin Candida Pereira wurde deshalb im Lockdown nicht nach Hause geschickt. Sie hilft nun bei der Organisation und verteilt Essen. „Daheim würde mir nur die Decke auf den Kopf fallen“, meint sie.

Daniela Freitas mit Eugenia. Bild: R. Streck

„Die Armut, der Hunger, hat sich massiv ausgebreitet“, sind sich Freitas und Pereira einig. Mehr als 3000 Familien würden allein in Lissabon in Einrichtungen wie hier mit Essen versorgt. Ein Gang durch die Stadt zeigt zudem, dass auch Obdachlosigkeit massiv zunimmt. Dass sie sogar Menschen wie Antonio oder Eugenia bedrohen würde, hätten die sich vor einem Jahr nicht einmal in einem Albtraum ausgemalt. Die Familie der Altenpflegerin Eugenia zählte sich damals eher zur Mittelschicht, worauf auch der schicke Kleinwagen hinweist, mit dem sie hier in der Sackgasse vorfährt, um ihre Nahrungsmittel bei der Vereinigung abzuholen. „Alles ging sehr schnell“, sagt die dunkelhäutigere Frau mit den zusammengebundenen krausen Haaren. „Ich bin an den Handgelenken operiert worden und kann nun meinem Beruf nicht ausüben“, sagt sie. Dramatisch wurde die Situation der sechsköpfigen Familie, zu der nun auch eine Enkelin gehört, als der Mann in der Pandemie seine Stelle in einer Diskothek verlor.

Daniela Freitas erklärt wie Essen auf Rädern funktioniert und Candida Pereira prüft die Liste für die Essensausgabe. Bild: R. Streck

Irgendwann war der Anspruch auf Arbeitslosengeld weg und damit wurde die Not groß. In der Kältewelle im Januar habe das Geld nicht mehr gereicht, um die Wohnung zu heizen. Dass die Mehrwertsteuer auf Strom gesenkt und die Regierung 10 % der Rechnung übernimmt, sei zwar schön, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Antonio und Eugenia hoffen nun auf ein mit dem neuen Haushalt beschlossenes Sozialgeld, um ihre Lage etwas zu verbessern. 250.000 Familien sollen bis zum Jahresende unterstützt werden, die sich in einer Lage wie sie befinden.

Diese außerordentliche Unterstützung soll Familieneinkommen um bis zu 501 Euro aufstocken. Es gilt rückwirkend ab dem 1. Januar, doch die genaueren Bedingungen wurden erst jetzt veröffentlicht. Da es „sehr knapp“ bemessen sei und über viele Kriterien etliche Menschen ausgeschlossen würden, war ein Grund dafür, dass der Linksblock (BE) die Maßnahme und den Haushalt abgelehnt hat. Die Politik der sozialistischen Regierung unter Antonio Costa kritisierte das Linksblock-Führungsmitglied Marisa Matias als viel zu zaghaft. Dass sich die Sozialisten (PS) nicht erneut auf ein Linksbündnis eingelassen haben, macht ihnen nun nicht nur das Regieren schwieriger, sondern habe auch dazu geführt, dass viele Menschen Hoffnung verloren hätten.

Matias, die Kandidatin für den Linksblock bei den Präsidentschaftswahlen, fordert gegenüber Buchkomplizen von der Regierung unter Antonío Costa: „Neben Notmaßnahmen gegen Hunger und Energiearmut brauchen die Menschen sichere Arbeitsplätze mit Rechten und würdigen Löhnen.“ Armut, Hunger und prekäre Bedingungen seien nun in die Breite der Gesellschaft vorgedrungen. „Jetzt muss zukunftsorientiert investiert werden, damit die Wirtschaft wieder zum Laufen kommt, Steuern fließen und die Sozialkassen nicht ausbluten. Es geht nicht darum, die Armut zu lindern, sondern sie abzuschaffen“, erklärt sie.

Tatsächlich haben Menschen wie Antonio und Eugenia nun große Angst vor der Zukunft. Sie hoffen aber, dass sich mit den Impfungen bald auch die ökonomische Situation wieder bessert und bald die versprochenen Hilfen aus Europa eintreffen, damit ein Licht am Ende des Tunnels sichtbar wird. Das sehen bisher viele Portugiesen nicht. Positiv zu verzeichnen ist aber, dass die Zahl der Neuinfektionen fünf Tage in Folge wieder gesunken ist. Am Dienstag waren es noch 5540, weit entfernt vom Rekord mit 16.432 vom 28. Januar. Der Lockdown zeigt offensichtlich Wirkung, obwohl zwischenzeitlich am 24. Januar sogar Präsidentschaftswahlen stattfanden, die nach eigenen Recherchen sicher waren. Die Experten glauben, dass der Höhepunkt nun überschritten sein dürfte. Allerdings gehen sie davon aus, dass Zahl der Toten zunächst noch weiter steigen könne.

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