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Rückblick: Wie sehr wurde um den iranischen General Soleimani tatsächlich getrauert?

25. Oktober 2020, Ali Fathollah-Nejad

Im vergangenen Januar wurde der iranische General Qassem Soleimani durch einen US-amerikanischen Drohnenangriff im Irak getötet. Ali Fathollah-Nejad* fasst zusammen, was der damalige Tag für die iranische Gesellschaft bedeutet hat:

Nachdem Qassem Soleimani am 3. Januar 2020 durch eine US-Drohne in Bagdad getötet wurde, hieß es die Trauer im Iran sei überwältigend. Zehntausende von Menschen strömten auf die Straßen und waren, so schien es zumindest, geeint in ihrem Hass gegen die Vereinigten Staaten. Jahrelang inszenierte sich Soleimani, General der berühmt-berüchtigten Revolutionsgarden, als anti-amerikanischer Held der mit Tatkraft gegen Washingtons Machenschaften vorging – und währenddessen die aggressive Regionalpolitik Teherans voranbrachte. Doch tatsächlich war die Lage facettenreicher, als die damaligen Bilder suggerierten.1

Soleimani war durchaus ein populärer Mann im Iran. Dies lag nicht zuletzt an der staatlichen Propaganda, die ihn in erster Linie als patriotischen und nationalistischen Helden darstellte – und nicht etwa als islamistischen. Er galt als jener Mann, der die Barbarei des sogenannten Islamischen Staates von den iranischen Grenzen ferngehalten hatte. Viele Iraner begrüßten es, dass Soleimani dem Land in der Region mehr Macht verschafft hatte. Hinzu kam die Empörung über die Art der Tötung des Generals, die aus völkerrechtlicher Sicht mehr als nur bedenklich gewesen ist.2

Die Unterstützung für Soleimani ging deshalb über das Lager der regimetreuen Iraner gewiss hinaus. Gleichzeitig betrachteten viele Iraner Soleimanis Rolle als General der Revolutionsgarden – und damit auch als führender Teil des Repressionsapparats – kritisch. Im November, wenige Woche vor Soleimanis Tötung, wurden Proteste von ebenjenen Garden blutig niedergeschlagen, mit vielen Todesopfern. 3

Hinzu kommt, dass nicht wenige Iraner moralische Bedenken gegenüber ihrer Führung haben, was ihre Innen- aber auch Außenpolitik anbelangt – so etwa die Unterstützung des brutalen Assad-Regimes in Syrien. Die Bilder der Massen bei Soleimanis Beerdigungszeremonien sind deshalb nicht nur als einfache Darstellung des Geschehens zu betrachten, sondern vor allem als staatliche Inszenierung – just zu einer Zeit, zu der das Regime aufgrund zunehmender Kritik seiner Bürger (im Zuge der November-Proteste sowie am Abschuss einer ukrainischen Passagiermaschine durch die Garden während der militärischen Reaktion auf die Ermordung Soleimanis) den Eindruck eines ungebrochenen Rückhalts zu erwecken suchte. Solche Inszenierungen allerdings sind im Iran nichts Neues. Seit ihrem Entstehen vor vier Jahrzehnten beherrscht die Islamische Republik diese Kunst der Erzeugung von Bildern, die für den inländischen, aber vor allem für den ausländischen Konsum gedacht sind, um eine vollkommene Einheit des Volkes hinter dem Regime zu suggerieren. Das Regime nutzt hierfür verschiedene Taktiken: Staatsbedienstete nehmen etwa an Demonstrationen teil, nachdem ihnen mit Sanktionen gedroht wurde. Aus Dörfern werden Menschen mit Bussen zu den Versammlungen gekarrt. Im Gegenzug erhalten sie Verpflegung. Diese Art der Organisierung und Inszenierung spielt bei jeder Demonstration im Iran eine Rolle. In solch einem autoritären Kontext gibt es keine Spontandemonstrationen. Sobald diese nämlich spontan stattfinden und sich regierungskritisch äußern, werden sie mit äußerster Brutalität niedergeschlagen.

*Dr. Ali Fathollah-Nejad ist ein deutsch-iranischer Politikwissenschaftler. Er promovierte an der School of Oriental and African Studies in London und war Visiting Fellow am Brookings Doha-Center, der Niederlassung der US-Denkfabrik Brookings in Katar. Zuletzt lehrte er am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen.

  1. Siehe zum Beispiel hier: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-01/kassem-soleimani-iran-teheran-trauerzeremonie-leichengebet; Tatsächlich waren die meisten internationalen Berichte zum Trauerzug ähnlich.
  2. Soleimanis Tötung war ein Verstoß gegen das Völkerrecht. Auch Deutschland machte sich abermals mitschuldig: https://www.nachdenkseiten.de/?p=57558.
  3. Mehr zu den Protesten im November 2019: https://www.hrw.org/de/news/2019/11/19/iran-sicherheitskraefte-schlagen-proteste-nieder.

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