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Kunst-Krise Corona

27. Oktober 2020, Andrea Ypsilanti

New Deal und das „unbekannte Meisterwerk“

„Und es wurde viel gelacht“ sang einst ein gewisser Marius Müller-Westernhagen. Da wussten wir noch nichts von der Covid-19-Pandemie. Konzerte, Theater, Festivals und Blockbuster-Ausstellungen gehörten bis vor kurzem noch zum festen Repertoire der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Zum guten Ton sozusagen. Erholung, Erkenntnis oder Berieselung – der Markt bot den Konsument*innen und Rezipient*innen alles. Frei nach dem Motto „was ihr wollt“, oder auch „was wir als euer Bedürfnis definieren“.

Damit ist es seit März vorbei und plötzlich stehen Tausende von Musiker*innen, Schauspieler*innen, Künstler*innen vor dem finanziellen Ruin. Um die Wirtschaft zu retten, reagierte die Politik mit Konjunktur- und Verschuldungsprogrammen in einem nie gekannten und geahnten Ausmaß. Die „Schwarze Null“ war plötzlich Geschichte. TUI, Lufthansa wurden mit Milliarden an Staatsgeldern gerettet, ohne dass sich der Staat auch nur ein Fünkchen Einfluss sicherte. Automobilkonzerne wurden durch Kurzarbeitergeld über Wasser gehalten, Dividenden weitergezahlt. The Show must go on.

Viel beklatscht wurden auch die systemrelevanten Beschäftigten. Die Kassierer*innen, Pflegekräfte, Bus- und Lastwagenfahrer*innen, alle, die den Laden notdürftig am Laufen hielten. Davon wollen jetzt viele nichts mehr wissen, wenn Verdi statt Beifall vernünftige Löhne fordert.

Kulturschaffende reklamierten, dass auch die Kunst, das Theater, die Konzerte systemrelevant seien. Doch ihre Rufe verhallen ungehört. Während der Ball in den Fußballstadien wieder rollt – inzwischen sogar mit Zuschauern, wenn sie sich an Regeln halten –, durften Theater lange Zeit überhaupt keine Besucher*innen zulassen, und viele Museen blieben geschlossen. 

Die Touristikbranche und die Automobilindustrie lassen keinen Tag vergehen, an dem sie nicht die ökonomischen, sozialen und kulturellen Folgen der Pandemie für ihre Industrien thematisieren. In der Kulturbranche erregt der Verlust von Arbeitsplätzen hingegen weit weniger öffentliches Interesse. Eine wirksame Lobby haben die Kulturschaffenden offensichtlich nicht, obwohl in diesem Sektor etwa 1,5 Millionen Menschen arbeiten. Klar, es gibt kleinere Kreditprogramme (die zurückgezahlt werden müssen!) oder auch Projektfördermittel in Form von Stipendien. In Hessen können betroffene Künstler*innen auf maximal 2.000 Euro Förderung hoffen. „Wovon lebt der Mensch?“, kann man mit Brecht fragen.

Schon wird die Digitalisierung zum neuen Zauberstab erklärt. Sie macht anscheinend schier alles möglich (was Amazon-Chef Jeff Bezos in einer Woche schon mal Vermögenssprünge von drei Milliarden Dollar ermöglicht). Gestreamte Konzerte, Online-Ausstellungen und Zoom-Wissenschaftskongresse können Live-Erlebnisse und Begegnungen allerdings nicht ersetzen. Sicher gibt es innovative Formate und kreative Ideen. Aber schon Adorno wusste, dass auch die beste Schallplatte zwar Noten und den Klang klar wiedergibt, das Konzerterlebnis, die sinnliche Wahrnehmung jedoch nicht ersetzen kann.

Ohnehin ist es merkwürdig, dass zwar die Maskenpflicht als ein Angriff grundgesetzlicher Freiheiten gewertet wird, die Schließungen von Theatern, Museen und Kinos aber fast klaglos hingenommen wurden oder, jetzt eingeschränkt, weiterhin akzeptiert werden.

Es wird kaum gefragt, geforscht, geschweige denn kritisch reflektiert, was es mit dem „Zoon politikon“ denn so macht, wenn es keine Begegnung, keine Emotion, keine Berührung der Sinne und des Geistes in den Spielstätten zu erleben gibt. Man arrangiert sich mit der Isolation. 

Derweil scheitern die meisten Künstler*innen schon bei der Beantragung des Bürokratiemonsters Hartz IV. Sie werden schlicht alleingelassen. Dabei böte diese Krise eine grandiose Chance, Kunst als gesellschaftliche Produktivkraft zu fördern und das bestehende Potenzial zu nutzen. Denn keineswegs ist es ein Naturgesetz, dass Künstler*innen in der Krise ausgegrenzt und dem materiellen Elend anheimfallen müssen.

Es könnte auch anders gehen. Lehrreich ist hier etwa ein genauer Blick in die Geschichtsbücher. Nachdem Franklin D. Roosevelt 1933 zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, beendete er mit seinem „New Deal“ die „Laissez-faire“-Politik des amerikanischen Kapitalismus. Die „Works Progress Administration“ wurde 1935 zur strategischen Zentrale einer Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik, die Infrastruktur, Beschäftigung und ein neues Tarifrecht schuf. In verschiedenen Programmen wurden Arbeitslose beim Staat beschäftigt. 

Heute fast unvorstellbar, aber dieses Angebot galt auch für arbeitslose Künstler*innen. In speziellen Programmen wurden Kulturschaffende vom Staat für einen begrenzten Zeitraum fest angestellt. Landesweit konnten so große Kulturprojekte realisiert werden. Im Rahmen von Literaturprogrammen wurden etwa Schriftsteller*innen in Städte und ländlichen Gebiete entsandt, um Stadtgeschichte aufzuschreiben und Archive zu gründen (unter den Literaten befand sich auch ein gewisser John Steinbeck).

Theaterensembles wurden finanziert, um insbesondere in ländlichen Regionen in Bürger- und Gemeinschaftshäusern ihre Stücke aufzuführen. Bildende Künstler*innen schufen Gemälde der Landarbeiter*innen und Industriearbeiter*innen an Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden. Auch Paul Jackson Pollock bekam so seine ersten Aufträge.

Die Künstler*innen verdienten einen festen Lohn, sie hatten feste Arbeitsstellen, konnten eigene Ideen und ihre Kreativität, ihre künstlerische Kompetenz einbringen. Aus trostlosen öffentlichen Gebäuden wurden spannende Begegnungsorte. Landarbeiter*innen wurden in den Theatern nicht nur unterhalten, sondern aufgeklärt und gebildet. Städter entdeckten ihre Geschichte, ihre Potenziale.

Man stelle sich vor, die Bundesregierung würde diese Erfahrungen mutig aufgreifen, statt auf Sonntagsreden die Bedeutung der Künste zu beschwören und Almosen zu verteilen. Musiker*innen könnten auf öffentlichen Plätzen und in städtischen Gebäuden spielen, Maler*innen, Bildhauer*innen heruntergekommene Schulen zu neuem Glanz verhelfen. Schriftsteller*innen würden als Stadtschreiber*innen im ländlichen Raum oder in prekären Gebieten die Geschichten der betroffenen Menschen literarisch verarbeiten, Archive neu sortieren und sichern. Wie wäre das, wenn in Dörfern, kleinen Städten, an abgelegenen Orten im Freien Theater gespielt werden würde? Das wäre auf jeden Fall eine buntere Welt und eine Perspektive für die von Corona getroffenen Künstler*innen. 

Und für viele Menschen ein Lichtblick in der Isolation.

Wer mehr zum New Deal lesen möchte, dem empfehle ich dringend: Steffen Lehndorff. New Deal heißt Mut zum Konflikt. Was wir von Roosevelts Reformpolitik lernen können – eine Flugschrift, VSA 2020.

 

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