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Anmerkungen zum Haushuhn / Teil 3

18. März 2021, Florian Schwinn

„Ich wollt ich wär ein Huhn“, sangen die Comedian Harmonists, „ich hätt‘ nicht viel zu tun. Ich legte täglich nur ein Ei, und sonntags auch mal zwei.“ Was damals Satire war, ist heute nahezu Realität. Das Huhn, das – ganz gegen seine Natur – fast jeden Tag ein Ei legt, gibt es wirklich. Nur mit dem zweiten am Sonntag klappt das noch nicht. (Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2)

Das Huhn ist das industrialisierte Nutztier schlechthin. Es ist perfekt in den Produktionsablauf seiner selbst integriert. Das Futter fährt per Förderband bis vor den Schnabel, die Eier rollen per Förderband vom Sterz weg. Die Legehennen legen fast jeden Tag ein Ei, die Broiler wachsen in rasender Geschwindigkeit zum Schlachtgewicht. Das Huhn ist das Massentier an sich – und es liefert Masse. Wie konnte das eigentlich werden aus dem scheuen Vogel, der in kleinen Gruppen am Waldrand lebte?

Hühnermanie

Ganz am Anfang der weltweiten Verbreitung des Haushuhns stand der Handel von China und Indien über Persien bis nach Europa. Und am Anfang der Industrialisierung standen wieder die alten Handelsrouten. Anfang des 19. Jahrhunderts kamen mit der Öffnung der Handelswege nach China ganz neuartige Hühner in den Westen. Die bis zu den Füßen stark befiederten Cochins zum Beispiel, die bei europäischen Geflügelzüchtern bald sehr populär wurden, weil sie auch das britische Königshaus hielt. Vielleicht hätte es Queen Victoria nicht gebraucht, aber sie machte die Hühnerhaltung zumindest hoffähig und versetzte auch die Oberschicht ins Hühnerfieber.

Königliches Geflügel: Queen Victoria hielt chinesische Cochins und trug damit zur Hühnermanie des 19. Jahrhunderts bei. | Foto: Hagen Gräbner

Europa und Nordamerika waren von einer regelrechten Hühnermanie befallen. Überall wurde gekreuzt und gezüchtet, neue Hühnerrassen und Farbschläge entstanden, exotische Rassen wurden importiert und weiter gezüchtet. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts richteten die neu gegründeten Geflügelzuchtvereine erste Zuchtschauen ein, auf die in der zweiten Jahrhunderthälfte überall große Regionalschauen folgten und in einigen Ländern auch Nationalmeisterschaften. In Deutschland wurde 1881 – zehn Jahre nach der Gründung des Deutschen Reiches – der Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter gegründet. Das „Rassen- und Farbenschlagsverzeichnis“ des BDRG ist heute ein vielseitiges Dokument, das von „Altenglischen Kämpfern“ in 22 Farbschlägen bis zu den zwei Farbvarianten der „Yokohamas“ hunderte von Hühnerrassen auflistet. Und da sich der Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter rühmt, der größte nationale Verband seiner Art zu sein, dürften diese Rassen auch alle erhalten werden. Und das, obwohl es sich heute nicht mehr lohnt, zu den Geflügelschauen zu reisen. Während der Hühnermanie boten die horrenden Preisgelder für die Züchter ein professionelles Auskommen. Die Erhaltung der inzwischen alten Hühnerrassen ist heute zumeist die Arbeit von Hobbyzüchtern. Professionelle Hühnerzucht ist inzwischen etwas ganz anderes: eine Industrie.

Beeindruckend groß und gefiedert bis zu den Füßen: eine Brahmahenne. Die Hähne werden bis zu fünf Kilogramm schwer, die Hennen bringen bis zu 4,5 Kilo auf die Waage.| Foto: Yasser Al-Mulqi / Pixabay

Hühnerindustrie

Die Hühnermanie des 19. Jahrhunderts war der Wegbereiter, sie zeigte, dass man das Haushuhn durch Zuchtwahl nach Belieben formen kann. Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert waren dann wohl die Auslöser, bei der Hühnerzucht auf die „Produktion“ von Eiern und Fleisch zu achten. Denn das war Mangelware.

1944 forderte Howard C. Pierce, der Einkäufer der New Yorker Supermarktkette A&P, bei einem Geflügelzüchtertreffen in Kanada die Zucht eines „Sumptuos Chicken“, eines opulenten Huhns mit Brüsten wie beim Truthahn. Die Forderung wurde vom US-amerikanischen Landwirtschaftsministerium USDA aufgegriffen, das direkt nach dem Krieg im Verbund mit der Supermarktkette und den großen Geflügelzuchtverbänden der USA den „Chicken of Tomorrow Contest“ ausrichtete. Der begann mit Wettbewerben in 44 der damals 48 US-Bundesstaaten, wurde 1947 mit regionalen Bewertungen fortgesetzt und endete 1948 mit einem nationalen Wettbewerb in der agrarwissenschaftlichen Experimentalstation der University of Delaware. Gewinner war am Ende ein Huhn, das der kalifornische Züchter Charles Vantress aus den Geflügelrassen New Hampshire und Strain of Cornish zusammengekreuzt hatte, also aus zwei ohnehin schon schweren Fleischrassen. Schon 1947, als der Wettbewerb noch lief, berichtete die Wochenzeitung The Saturday Evening Post von stämmigen Hühnern: „One bird chunky enough for the whole family“, mit Brustfleisch so dick, dass man daraus Steaks schneiden könne, und dass außerdem noch weniger statt mehr koste.[1] Denn auch das war Ziel des Chicken of Tomorrow Contests: das Huhn von morgen sollte schnell viel Fleisch ansetzen und dabei möglichst wenig Futter benötigen.

Schon lange vor der Hühnermanie gezüchtet: Seit 500 Jahren soll es die Paduaner Vollhaubenhühner geben. Verbreitet im 18. Jahrhundert nicht nur in Italien, sondern auch in Frankreich und Deutschland. | Foto: Handoek

Antibiotikamast

Gleich mit dem neuen Hybridhuhn etablierte sich in den USA die Hühnerindustrie. Aus Hühnerhöfen wurden Geflügelbetriebe. Schnell war herausgefunden, dass die Tiere am besten wachsen, wenn sie sich wenig bewegen und es immer schön warm haben. Also pferchte man sie in beleuchtete Ställe. Weil sich im Gedränge zwar die Hühner nicht mehr viel bewegen können, dafür aber die Krankheiten umso schneller vorankommen, wurden bald auch Antibiotika eingesetzt in den Ställen. Dabei stellte sich schon Anfang der 1950er Jahre heraus, dass Hühner, denen Antibiotika ins Futter gemischt wird, doppelt so schnell wachsen. Achtzig Prozent der heute in den USA verkauften Antibiotika gehen in die Tierhaltung. Mit den bekannten Problemen der „Zucht“ von antibiotikaresistenten Keimen.

Die auf schnelle Fleischzunahme gezüchteten Masthähnchen werden von „konventionell“ wirtschaftenden Betrieben heute meist nach vier bis maximal fünf Wochen geschlachtet. „Die Mastküken, die in der Regel von der Schlachterei zur Verfügung gestellt werden“, schreiben die Autoren des Lehrbuchs Tierproduktion, „sollen vital und frühreif sein, sich rasch und mit Rücksicht auf den Verkaufswert hell befiedern, fleißig fressen und die Nährstoffe vorzugsweise in der Brust- und Schenkelmuskulatur ansetzen.“[2] Was außerdem noch in der Brust- und Schenkelmuskulatur sitzt, sind Medikamente, die wir mitessen, wenn wir uns das billige Hähnchen schmecken lassen.

Der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast ist in Deutschland verboten. Dennoch sind auch bei uns über neunzig Prozent der „konventionell“ gemästeten Broiler mit den Medikamenten belastet. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen hat 2011 die erste Studie über den Einsatz von Antibiotika in den Masthähnchenställen eines Bundeslandes veröffentlicht. Die Ergebnisse sind niederschmetternd: Von 17,9 Millionen im Studienzeitraum erfassten, geschlachteten und verkauften Masthähnchen, waren 16,4 Millionen, also 91,6 Prozent, mit Antibiotika behandelt worden. Bis zu acht verschiedene Antibiotika wurden registriert. Und was noch schlimmer ist: „Die jeweilige Behandlungsdauer eines Wirkstoffes lag bei vierzig Prozent der Behandlungen mit ein bis zwei Tagen deutlich unter den Zulassungsbedingungen der verabreichten Wirkstoffe.“[3] Werden Antibiotika kürzer eingenommen, als dies beim jeweiligen Medikament vorgesehen ist, sind am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht alle Keime abgetötet, und die überlebenden Mikroorganismen haben gute Chancen, Resistenzen gegen die eingesetzten Mittel zu entwickeln.

Mit Haube: Eine Henne der alten österreichischen Rasse Sulmtaler, ursprünglich gezüchtet nicht zur Zier, sondern als schweres Fleischhuhn, heute geführt auf der Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen Österreichs. | Foto: Birgit Röhrs / Pixabay

Warum werden Antibiotika in den Ställen eingesetzt, obwohl ihre Nutzung zu Mastzwecken verboten ist? Weil die Ställe eng sind und die Tiere krank werden. Die Frage, wie es den Hühnern in ihrem kurzen Broilerleben geht, ist damit auch beantwortet: schlecht! Ich wollt, ich wär kein Huhn!

Der englische Begriff Broiler, also „Griller“, der inzwischen deutschlandweit für Masthähnchen verwendet wird, ist übrigens auch ein Hinweis auf die Herkunft des hybriden Fleischhuhns. Die Brathähnchen sind über eine US-amerikanische Firma in die ehemalige DDR gelangt. Die lieferte eine schnell Fleisch ansetzende Hühnerlinie in den Ostblock, nachdem entsprechende sowjetische Zuchtversuche gescheitert waren. Die Zuchtlinie stammte damals übrigens aus Westdeutschland, sollte aber nicht direkt beim Klassenfeind hinter der Mauer eingekauft werden.

Auch aus dem alten Westdeutschland stammt übrigens die weltweit erfolgreichste Legehennenlinie. Deren Zucht und Verbreitung ist aber eine eigene Geschichte …

 

[1] Zitiert nach Maryn Mckenna: Big Chicken -The Incredible Story of How Antibiotics Created Modern Agriculture and Changed the Way the World Eats

[2] Jürgen Weiß et. al.: Tierproduktion. 14. Auflage, Stuttgart 2011

[3] LANUV: Evaluierung des Antibiotikaeinsatzes in der Hähnchenhaltung. Recklinghausen 2012

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