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Menetekel der Tierhaltung

19. November 2020, Florian Schwinn

In Dänemark werden die Nerze verbrannt wie einst in Großbritannien die Rinder. Dieses Mal ist es Corona, damals war es BSE. Wieder sind es die Menschen, die die Tiere krank gemacht haben. Und wieder müssen die Tiere dafür sterben. Vielleicht geht aber dieses Mal eine ganze tierquälerische Industrie mit in Rauch auf.

Verletzt durch die Haltungsform: Nerz in einer Farm in Dänemark | Foto: Tierrechtsorganisation Peta 2012

So gehen wir mit den Tieren um, die es nur wegen uns gibt, die wir uns zu eigen gemacht haben, die uns deshalb aber auch anvertraut sind: Wenn uns die selbst herbeigeführte Situation aus dem Ruder läuft, dann töten wir ganze Bestände. Wir haben sogar einen eigenen Begriff dafür: „Keulung“, sagt Wikipedia, „bezeichnet das vorsorgliche Töten von Tieren, in der Regel um die Weiterverbreitung von Tierseuchen zu verhindern.“ In Dänemark trifft es jetzt die Nerze, wie schon einmal in geringerem Ausmaß während des ersten Seuchenzugs der Pandemie und wie zuvor schon in den Niederlanden.

Im Frühjahr hatte ich meinen Augen und Ohren erst nicht getraut, als die Meldungen kamen von Corona-Ausbrüchen in Nerzfarmen in den Niederlanden und in Dänemark. Wie? Nerzfarmen? Ich sehe vor meinem Archivauge lange Reihen von Käfigen mit Amerikanischen Nerzen, sogenannten Minks. Ich dachte, das sei Vergangenheit. Wer trägt denn noch Pelz? In Deutschland haben wir keine kommerziellen Nerzfarmen mehr, „weil wir das zwar nicht verboten, aber durch gesetzliche Auflagen so unattraktiv gemacht haben, dass sich das nicht mehr lohnt.“ So sagte mir das damals schon Prof. Franz J. Conraths, der Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit.

Aber in Dänemark, diesem kleinen Land mit nicht einmal sechs Millionen menschlichen Einwohnern, leben mehr Nerze in Käfigen, als anderswo auf der Welt. Deshalb sind es nun gleich Millionen Tiere, die in mehrere Wochen dauernden Tötungsaktionen vergast werden. Bis zu 17 Millionen Nerze sollen sterben; über 1300 Nerzfarmen sind registriert. Damit auch außerhalb des zum Seuchengebiet erklärten Nordjütlands, und außerhalb der Sicherheitszone um den Seuchenherd herum, die Keulung angeordnet werden kann, will die dänische Regierung das Tierseuchengesetz ändern.

Der Sprung der Zoonose

Es ist Eile geboten, denn das Coronavirus ist in dänischen Nerzfarmen mutiert und von den Nerzen wieder zurück auf den Menschen gesprungen. Damit ist das SARS-CoV-2-Virus zum zweiten Mal vom Wildtier auf den Menschen gesprungen. Zuerst vermutlich über ein gefangenes Wildtier auf dem Markt von Wuhan kam das Fledertier-Virus zu uns. Die Menschen verfrachteten es um die Welt und steckten in Dänemark damit wieder Wildtiere an. Denn das sind Nerze, auch wenn sie in Käfigen gehalten werden. Vom Nerz ging es dann wieder zurück zum Menschen. Hier schließt sich der Kreis übrigens auf besonders makabere Weise, denn Dänemark exportiert die meisten Nerzfelle ausgerechnet nach China, also zum größten Nerzproduzenten der Welt, der offenbar nicht genug davon bekommen kann.

Noch scheint es nicht so, dass die Mutation mehr Probleme bereitet, als eine „normale“ Covid-19-Erkrankung, aber ausgeschlossen ist das nicht. Der dänische Gesundheitsminister schaut besorgt in die Zukunft. Das mutierte Coronavirus reagiere offenbar weniger empfindlich auf Antikörper, weshalb eine Impfung, wenn es sie dann gibt, weniger wirksam sein könnte. Im schlimmsten Fall, so der Direktor des Statens Serum Instituts, beginne die Epidemie in Dänemark von vorne, wenn die Immunität der Geheilten oder später der Geimpften verloren ginge.

Klar ist inzwischen, dass ursprünglich die Tierpflegerinnen in den Pelztierfarmen die Nerze angesteckt haben. Falls man die Behandlung der Nerze in den Farmen überhaupt „Pflege“ nennen kann. Die Tiere leben in langen, unter einem Dach aufgereihten Käfigen, auf die ihnen ein Nahrungsbrei geklatscht wird, den sie sich durch das Gitter holen müssen. Ihr Kot fällt unten durch das Gitter. Das ist das größte Manko der Fernsehbilder, die in den letzten Tagen aus dänischen Nerzfarmen zu sehen waren: Sie übertragen keinen Geruch. Jene atemraubende Mischung aus Gammelfleisch, Urin und Kot. Das zweite Manko ist das Fehlen des genauen Blicks in die Käfige mit noch lebenden Nerzen. Solche Bilder muss man sich bei Tierrechtsorganisationen zusammensuchen. Und die zeigen das ganze Elend, selbst da, wo sie nicht blutig sind.

Womit wir beim Kern des Problems wären. Einerseits werden hier Tiere in Massen getötet, die ihre Covid-19-Erkrankung wahrscheinlich in den meisten Fällen überlebt hätten. Ein ARD-Bericht vom Anfang der Tötungsaktionen legt das nahe. Da erzählt der Züchter Bjarne Pedersen wie das Virus durch seine Nerzkäfige lief: Husten, Schnupfen, Heiserkeit, fertig. Dann kam das Tötungskommando.

Andererseits sollen dadurch Menschen geschützt werden, die sich bei den Nerzen und danach untereinander anstecken. Jeder zweite menschliche Ansteckungsfall der neuen Corona-Welle im Seuchengebiet Nordjütland soll so entstanden sein. Deshalb verhängte die Regierung auch einen harten Lockdown über den Norden Dänemarks. Das mutierte Virus soll dortbleiben.

Nerze in Käfighaltung | Foto der baltischen Tierrechtsorganisation Dzīvnieku brīvība

Das Ende einer Haltungsform

„Dänemark ist ein Land, in dem der vorbeugende Verbraucherschutz eine lange Tradition hat und sehr ernst genommen wird“, sagt Franz J. Conraths, der Leiter des Instituts für Epidemiologie (IfE) des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI). Deshalb verstehe er, dass die Dänen zu solch drastischen Maßnahmen wie dem Töten aller Tiere greifen, auch wenn wissenschaftlich noch nicht klar sei, ob dies nötig ist. In den Niederlanden hätten die Behörden bei den ersten Corona-Infektionen in dortigen Nerzfarmen erst einmal von einer verordneten Tötung aller Tiere abgesehen. Das auch aus wissenschaftlichem Interesse. Man wollte wissen, wie sich die Infektion unter den Nerzen ausbreitet. Was man dann beobachtete, war eine rasante Ausbreitung der Infektion und auch Tiere, die erheblich krank wurden. Und da stelle sich die Frage, wie man im Sinne eines verantwortlichen Tierschutzes damit umgeht. „Kann ich mir das einfach so ansehen, wie die leiden, wohlwissend, dass wir Menschen für ihr Leid verantwortlich sind? Sie haben das Virus ja von uns.

Hofft auf ein Ende der Nerzfarmen: Prof. Franz J.Conraths, Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts | Foto: FLI

Dennoch, was sagen Sie, Herr Professor: Darf man alle dänischen Nerze keulen? „Ich persönlich halte die Entscheidung der dänischen Regierung für vertretbar“, sagt Conraths. Wer jetzt Verrat schreien will und Tiermörder oder so etwas, der muss hier aufhören mit dem Zuhören und dem Lesen. Denn Deutschlands oberster Tier-Epidemiologe spricht weiter: Für vertretbar hält er „diese Art der Tierhaltung jetzt zu beenden.“ Was soll das denn heißen? Dass Nerze überhaupt nicht mehr gezüchtet werden sollen? „Ja“, sagt er, „ich hoffe das sehr! Wenn ich sehe, wie die gehalten werden, wenn ich sehe, wie die Tötung erfolgt – ich bin Tierarzt, ich kann so etwas nicht gutheißen!“ Getötet werden die Nerze in den Farmen meistens mit Kohlenmonoxid. Auch jetzt wieder, bei der angeordneten „Keulung“; wobei dieses Wort nicht zum Sprachgebrauch Franz Conraths‘ gehört. Dieser Tod sei eine „Viecherei“, sagt er: „Das sollte man nicht tun!“ Außerdem würden diese Tiere ja nur gehalten, um ihnen am Ende im Wortsinn „das Fell über die Ohren zu ziehen“. Und dabei gehe es nur um ihre Felle, die wir nicht brauchen, um uns zu kleiden.

Die Körper der Nerze, die derzeit in Dänemark verbrannt werden, wie damals im Vereinigten Königreich die BSE-Rinder, oder die in Massengräbern zugeschüttet werden, wurden vor Corona im benachbarten Deutschland „verwertet“. Im vergangenen Jahr erst deckte eine SWR-Reportage auf, dass eine Tierkörperverwertung in Nordfriesland aus den toten Nerzen Rohstoff für Biodiesel gewinnt. Wir haben die in Dänemark und anderen Ländern noch erlaubte Art der Pelztierhaltung bei uns durch Gesetze und Verordnungen unmöglich gemacht, nicht aber den Import der Tierkörper und auch nicht den von Fellen aus solcher Tierhaltung.

Vielleicht wird es aber auch diese Ambivalenz in der deutschen Haltung bald nicht mehr geben. Denn Corona könnte das Ende der Pelztierzucht zumindest in Westeuropa sein. Corona-Infektionen in Nerzfarmen melden inzwischen nicht nur die Niederlande und Dänemark, sondern auch Italien, Spanien, Schweden, die USA und zuletzt auch Griechenland. Griechenland? Was haben Nerze dort zu suchen? Dort hat nicht einmal der Europäische Nerz, eines der am stärksten bedrohten Säugetiere Europas,  je gelebt. Wieso gibt es dort Nerzfarmen? Corona deckt Dinge auf, die ich mir vor der Pandemie nicht einmal träumen ließ. Corona beendet manche dieser Dinge dann aber auch gleich wieder: Schweden hat schon angekündigt, die Pelztierfarmen schließen zu wollen, in den Niederlanden hat das Parlament den Ausstieg bis zum Jahresende beschlossen. Verbieten wollen die Dänen die Pelztierzucht noch nicht, aber am Ende der Keulungen wird es faktisch keine dänische Pelztierindustrie mehr geben.

Die Keulung als Sinnbild

Was bleibt, ist das Menetekel der brennenden Tierleiber, die Keulung als Ausdruck unseres Umgangs mit den Tieren. Und gekeult wird ja nicht nur in Nerzfarmen, wenn Corona ausgebrochen ist. Gekeult wird auch, wenn die Vogelgrippe in Geflügelhaltungen ausbricht, so wie beim diesjährigen Seuchenzug zuerst in einem Betrieb in Schleswig-Holstein, dann starben Bio-Hühner bei Rostock, dann wieder Geflügel in Schleswig-Holstein und wieder in Mecklenburg-Vorpommern. 1000 Tiere hier, 3000 da, 5000 dort, und so weiter. Entsorgung in der Tierkörperverwertung, der Biogasanlage, dem Biodiesel. Gekeult wird auch werden, wenn die Afrikanische Schweinepest nicht mehr im sächsischen Wald bleibt, sondern in den Betrieben ankommen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte, die wird noch zu schreiben sein.

 


Weitere Informationen zu Pelztieren: https://www.peta.de/hintergrundwissen-pelz

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