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Authentizität statt Konformität

5. Oktober 2020, Wolfgang Staudt

Im Glas habe ich einen Wein, der die Bezeichnung „Handwerk“ auf dem Flaschenetikett führt und bei dem es sich nach Aussagen seines Schöpfers Sven Leiner aus der Südpfalz, um einen handwerklich erzeugten, authentischen und unverfälschten Wein handelt.

Hoppla, aber sind denn nicht alle Weine authentisch, unverfälscht und handwerklich erzeugt? Schließlich haftet dem Wein doch – ganz ähnlich wie dem Bier – seit Jahrhunderten der Nimbus des Reinen und Natürlichen an. Und ganz anders als im Falle so vieler Lebensmittel finden sich auch auf den Flaschenetiketten – mal abgesehen von den ungeliebten Sulfiten – keine Hinweise auf irgendwelche Zusatzstoffe.

Nun ist Wein aber kein Lebens-, sondern ein Genussmittel und diese sind von der Deklarationspflicht enthaltener Zusatzstoffe weitgehend ausgenommen. Und so feiert der romantisierende Glaube an die Natürlichkeit dessen, was uns als Wein in den Supermärkten und bei den Discountern begegnet, nach wie vor fröhliche Urständ. Das mag vor unguten Gefühlen schützen, realitätsfern ist es trotzdem. Und der Gesetzgeber tut alles, damit sich daran nichts ändert.

So bleibt weitgehend im Dunkeln, dass in der Weinproduktion neben Schwefel, Hefen und Enzymen jede Menge weiterer Stoffe zum Einsatz kommen, darunter z.B. Wasser, Sauerstoff, Zucker, Zitronen-, Ascorbin- und Apfelsäure sowie die berühmten Eichenholzchips. Zur Schönung, also zur geschmacklichen Harmonisierung, werden Eiweiß, Gelatine, Milch, Gesteinsmehl und Tanninpräparate eingesetzt.

Einer der Gründe, weshalb dieses riesige Repertoire an Hilfsmitteln im Alltag der Weinmacher eine so große Rolle spielt, ist der Massenanbau von Wein. Man pflanzt Massenträger, düngt, spritzt, hat hohe Erträge und erntet maschinell. Die Weine jedoch, die unter diesen Bedingungen entstehen, haben ein Problem: Man schmeckt ihnen ihre bescheidene Qualität an.

Umso weniger qualitätsorientiert im Weinberg gearbeitet wird, desto notwendiger werden korrigierende Maßnahmen im Keller. Zwar kommen so mittlerweile auch bereits für zwei drei Euro fehlerfreie Weine in den Handel, aber es geht verloren, was wir sonst so schätzen, nämlich die Einzigartigkeit eines jeden Jahrgangs und der Duft und Geschmack nach Herkunft.

So darf zurecht behauptet werden, dass Wein heutzutage in den meisten Fällen kein natürliches Produkt, sondern das Ergebnis eines diffizilen technischen und kosmetischen Prozesses ist. Nur eine kleine Minderheit kann für sich Natürlichkeit, Authentizität und Unverfälschtheit reklamieren.

Sven Leiner und seine Weine gehören dazu. Weil er sich im Weinberg maximal für die Pflege der Rebanlagen und die Vitalität der Böden zerreißt, kann er im Keller auf all den kosmetischen Firlefanz verzichten und nach dem Prinzip des kontrollierten Nichtstuns verfahren.

Im Ergebnis entstehen maximal originelle Weine, Weine mit Ursprungsidentität und Weine, die Emotionen wecken. Wie arm wäre die Weinwelt, gäbe es nur noch die mehr oder weniger uniform schmeckenden Abfüllungen aus industrieller Großproduktion.

Deswegen möchte ich im Rahmen dieser Kolumne Winzer wie Sven Leiner vorstellen, die Weine auf die Flasche ziehen, die noch nach Handwerk und nach Natur schmecken, die jedes Jahr anders ausfallen und die natürlich auch nicht ganz ohne Technik auskommen.

Weinempfehlung: Weißer Burgunder Handwerk
Bezugsquellen: weingut-leiner.de oder viniculture.de

Mehr von Wolfgang Staudt finden Sie auf: www.wolfgangstaudt.com

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