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Scheurebe – Sonnenseiten eines Underdogs

27. November 2020, Wolfgang Staudt

Scheurebe ist eine weiße Reborte, die im Jahr 1916 von Georg Scheu (1879 – 1949) an der Landesanstalt für Rebenzüchtung in Alzey aus Riesling und Bukettrebe gezüchtet wurde. Ursprünglich hieß die Sorte „Sämling 88“, bevor sie Mitte der 30er Jahre den Namen „Dr. Wagner-Rebe“ bekam, benannt nach dem damaligen Landesbauernführer von Hessen-Nassau. Da man diesen Namen nach dem Zweiten Weltkrieg für inakzeptabel hielt, nannte man die Rebsorte zunächst wieder „Sämling 88“, nach dem Tode von Georg Scheu dann „Scheurebe“.

Dieser duftigen, spätreifenden und im Anbau anspruchsvollen Sorte wurde noch bis weit in die 1990er Jahre wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Winzer muteten ihr viel zu hohe Erträge zu, sodass in den meisten Fällen dünne, charakterarme Weine herauskamen, die dann oft nachträglich gesüßt wurden, um ihre allzu offensichtlichen Schwächen zu vertuschen und den Konsumenten zu schmeicheln.

Das jedoch schadete zunehmend dem Ansehen der Sorte, die Preise gingen in den Keller und immer mehr Winzer fühlten sich genötigt, die Scheurebe durch attraktivere Sorten zu ersetzen. In der Folge hat sich die mit Scheurebe bestockte Fläche in Deutschland mehr als halbiert.

Zum Glück haben einige qualitätsorientierte Winzer ihr nicht nur die Treue gehalten, sondern sie sind mit ihr zu neuen, in der Vergangenheit völlig undenkbaren Qualitätsdimensionen vorgestoßen. Endlich ist die Scheurebe aus dem Schatten ihres Underdog-Daseins herausgetreten und auch anspruchsvolle Genießer dürfen die Sorte wieder auf dem Schirm haben.

Scheurebe ist von Natur aus aromatisch

Scheurebe ist – so wie ihre Eltern Riesling und Buketttraube – eine von Natur aus aromatische Rebsorte. Vor allem ihr markanter Duft nach Schwarzen Johannisbeeren befördert sie in die Nähe einer anderen Rebsorte und beschert ihr den Titel „Deutscher Sauvignon Blanc“. Aber auch Anklänge an Grapefruit, Mango und Maracuja lassen die beiden Sorten gelegentlich tatsächlich wie Zwillingsschwestern erscheinen.

So attraktiv und einladend die markante Sortenaromatik der Scheurebe auch immer ist, nicht weniger interessant präsentieren sich Exemplare, die im Prozess der Weinbereitung so behandelt werden, dass der in Flaschen gefüllte Wein mit einer deutlich zurückhaltenderen Duftigkeit daher kommt.

Das sind Weine, die spürbar anders riechen und schmecken als konventionell produzierte Scheureben: Würze statt Frucht, Länge statt Breite, Cremigkeit und Schmelz statt magerer Bitterkeit oder überreifer Fülle. Das sind Weine, die ihre Identität mehr durch ihr Mundgefühl, ihre physische Struktur als durch simple Duftigkeit oder süßlichen Geschmack generieren.

Wer heute der Meinung ist, die besten Scheureben Deutschlands, kämen vom Weingut Pfeffingen, liegt meines Erachtens goldrichtig. Scheurebe ist eine Leidenschaft dieses Bad Dürkheimer Weinguts, das sich seit 1931 in Familienbesitz befindet. Und Jan Eymael, der heutige Inhaber, ist von dieser Leidenschaft bis in die Fingerspitzen infiziert.

Seit 2002 führt er auf diesem Weingut Regie und selbstverständlich setzt er die Tradition, die die Scheurebe hier genießt, fort, ja nicht nur fort, sondern mehr noch, er reüssiert mit immer neueren Versionen, Ausbauvarianten und Spielarten und entlockt dieser hundertjährigen rheinhessischen Neuzüchtung immer wieder neue, spannende Facetten und Gesichter.

Neben den klassischen aromatischen Varianten, die sowohl trocken als auch edelsüß ausgebaut werden, präsentiert Jan Eymael als einer der ganz wenigen Weingüter in Deutschland mit der Scheurebe SP (Selektion Pfeffingen) eine Barrique-Variante, die ihresgleichen sucht. Dürfte man die Scheurebe in der Pfalz als Großes Gewächs in die Flasche bringen, die SP hätte es mehr als verdient.

Gerade ist Jan Eymael mit einer Weltneuheit auf den Markt gekommen, einer maischevergorenen und zugleich Barrique-ausgebauten Scheurebe namens „O“. Ich hatte das Glück, sie bereits im Glas gehabt zu haben und möchte hier an dieser Stelle schon mal Vorfreude verbreiten: Da hat etwas ganz Besonderes das Licht der Weinwelt erblickt. Am Gaumen cremig-dicht und ungemein nachhaltig, in der Nase kräutrig und mit feinen Cassisnoten ausgestattet. Unbedingt probieren!

 


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Seehof
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Weingut Wagner-Stempel
Weingut Dr. Eva Vollmer
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