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Juden in Deutschland – Deutschland in den Juden

13. Februar 2021, Moshe Zuckermann

Neue Synagoge in Berlin. Bild: Holz85/CC BY-SA-3.0

Der Begriff des „Antisemitismus“ im Munde derer, die ihn heute als Juden in Deutschland zu bekämpfen meinen, ist zur leeren Worthülse verkommen.

Die Möglichkeit, dass eine deutsch-jüdische Symbiose je bestanden habe, hat Gershom Scholem bekanntlich in den 1960er Jahren mit solcher Rigorosität in Abrede gestellt, dass man seine Apodiktik seither als Wahrnehmungsparadigma der Beziehung zwischen Deutschen und Juden sehen darf, einer durch die negativen Vorzeichen des repressiven Verkettungsverhältnisses von Tätern und Opfern geprägte Beziehung, in der selbst die zaghaften Annäherungsversuche der letzten Jahrzehnte von beiden Seiten eher schief beäugt oder doch zumindest als prekär registriert werden. Die deutsch-jüdische Symbiose habe es nie geben können, meinte Scholem, denn die „unglücklich liebenden“ Juden hätten gewollt, was die Deutschen nie zuzulassen gewillt gewesen seien; die jüdischen Avancen habe man als einen „Schrei ins Leere“ zu begreifen.

Scholems Behauptung muss ernstgenommen werden: Zu monströs war das im 20. Jahrhundert Geschehene, als dass es nicht zu einem sowohl offiziell ideologisierten als auch subjektiv latent gefühlten historisch-empirischen Kriterium einer Beurteilung der Beziehung zwischen Deutschen und Juden erhoben würde. Korrekt müsste es freilich „zwischen nichtjüdischen Deutschen und Juden“ heißen. Denn es gab ja in der Vergangenheit deutsche Juden, zumindest im Selbstverständnis derer, die sich als solche apostrophierten.

Gerade das würde zwar Scholem in Abrede gestellt haben wollen, aber darin liegt eben auch das Defizitäre seines Postulats: Die Unmöglichkeit einer deutsch-jüdischen Symbiose ist eine Ex-post-facto-Feststellung, also finalistisch begründet; sie ignoriert die (wie immer im Nachhinein vergebliche) Bestrebung von Juden, sich im Deutschland des 19. Jahrhunderts bürgerlich einzurichten, und die Tatsache, dass es nirgends in Europa ein Land gegeben hat, in welchem die realen Erfolgsaussichten dafür besser bestellt waren.

Nicht Juden hatten ein „jüdisches Problem“ postuliert; als aber dieses von ihnen nach und nach als ein solches verinnerlicht wurde, standen ihnen drei aus der Logik der Moderne geborene Optionen für seine Lösung zur Wahl: der nationale, mithin partikular ausgerichtete Zionismus, der emanzipativ beseelte, universelle Sozialismus und eben die bewusste Assimilation der Juden in ihre jeweiligen Residenzgesellschaften.

Fraglich, ob die allermeisten Bewohner des osteuropäischen Stetls die dritte Option je als real zu verwirklichende in Erwägung gezogen haben, aber von großen Teilen des deutsch-jüdischen Bürgertums wurde sie emphatisch vertreten. Man sollte dies a posteriori nicht allzu eilfertig als Irrweg belächeln oder gar zum Vorwurf erheben. Zumindest aus Respekt vor dem bewussten Willen der historischen Akteure, wenn schon nicht aus Achtung vor der Wirkmächtigkeit geschichtlicher Kontingenz, sollte man die Bestrebungen deutscher Juden im vorhitlerischen Zeitalter zur Kenntnis nehmen und zeitrelevant einzuschätzen wissen.

Das aber, was einst deutsche Juden waren und sein wollten, ist nun mal katastrophisch untergegangen, Geschichte geworden. Als sozial geschlossene Gruppe sind deutsche Juden kaum noch in Deutschland vorzufinden. In Deutschland leben zwar Juden, aber keine, die sich selbst ungebrochen als Deutsche sehen.

Von den gepackten Koffern zum Bleiben in Deutschland

Das hat nicht nur mit der Ermordung und Vertreibung der historischen Juden Deutschlands zu tun, sondern vor allem mit den historischen Umständen und dem Selbstverständnis derer, die nolens volens ihre „Nachfolge“ antraten. Denn was sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit im Rahmen der sich in der alten Bundesrepublik spärlich bildenden jüdischen Gemeinden einfand, waren großenteils osteuropäische Shoah-Überlebende, mithin Menschen, denen ihr jüngst durchlebtes Schicksal das subjektive Gefühl eines Gegensatzes zu allem, was infolge der NS-Zeit für deutsch erachtet wurde, gleichsam von selbst aufprägte. Die nach dem Holocaust in Deutschland sich einrichtenden Juden waren keine „unglücklich liebenden“ mehr, ihr „Schrei ins Leere“ hatte nichts mit der emphatischen Bestrebung, Deutsche zu sein, zu tun, sondern einzig mit dem Grauen, das Deutsche an ihnen verbrochen hatten.

Und doch blieb man in Deutschland. Nicht viele waren es, und die, die es waren, führten stets den rationalisierenden Spruch im Munde, man befinde sich nur auf einer Zwischenstation, sitze mithin auf gepackten Koffern, um sich ja nicht niederzulassen bzw. gegebenenfalls schleunigst wieder ausreisen zu können.

Ob nun ehrlich gemeint oder (zumindest bei einigen) nur als Lippenbekenntnis vorgetragen, sollten sich diese Beteuerungen bei den allermeisten in Deutschland nach 1945 gebliebenen oder zugereisten Juden objektiv als handfeste Lebenslüge erweisen. Denn nicht nur die Generation der (zumeist) osteuropäischen Shoah-Überlebenden richtete sich in der wirtschaftswunderlichen Bundesrepublik ein, sondern auch ihre in Deutschland geborenen bzw. aufgewachsenen Kinder, die sogenannte „zweite Generation“, blieben – sie lernten, studierten, gründeten Familien und etablierten sich beruflich. Als dann nach und nach lebensweltlich relevante Gemeindeeinrichtungen institutionalisiert wurden, dämmerte es allmählich allen, auch den emphatischsten Auf-den-Koffern-Sitzern, dass die Geschichte ihr zwar zaghaftes, aber eben auch unüberhörbares Wort gesprochen hatte: Die ursprünglichen Platzhalter des deutschen Judentums waren zwar aus Deutschland verschwunden, aber Juden in Deutschland gab es sehr wohl, mochten sie sich zunächst noch so bemühen, öffentlich nicht aufzufallen.

Wende im deutschen Diskurs über den Umgang mit der Vergangenheit

Nicht von ungefähr kam es also, dass Ignatz Bubis Mitte der 1980er Jahre den Gordischen Knoten zu durchhauen und den bürgerlichen Scheincharakter jüdischer Existenz in der alten Bundesrepublik zu entlarven und wenden trachtete. Zwar gibt Bubis‘ am Ende seines Lebens resignierender Ton hinsichtlich dessen, was er während seiner Amtszeit als Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland in der Beziehung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen bewirkt habe, zu denken. Aber er hat vermutlich mehr bewirkt, als er selber zu realisieren vermochte: Allein schon sein öffentlich erhobenes Postulat, jüdisches Gemeindeleben möge in Deutschland wieder offiziell legitimiert und lebensweltlich entfaltet werden, kam, gemessen an den Denk-, vor allem aber Gefühlsnormen der meisten seiner in Deutschland lebenden jüdischen Generationsgenossen, einem Tabubruch mit weitreichenden Folgen nahe.

Und doch stellte sich die späte Nachdenklichkeit nicht zufällig ein. Denn in der Tat hatte die berüchtigte Auseinandersetzung mit Martin Walser (die sogenannte Walser-Bubis-Debatte) ein Moment des Unüberbrückbaren zutage gefördert: Sosehr man sich dem Risiko der fremdbestimmten Vereinnahmung von vornherein aussetzt, wenn man sich auf die bewusste Funktionalisierung des Gedenkens zum interessengeleiteten Politikum einlässt, wie es Bubis nolens volens tat, war doch Walsers aufrechnende Behauptung, er habe sich mit dem Problem der kollektiven Erinnerung auseinandergesetzt, als Bubis, sein „Kontrahent“, noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt gewesen sei, ein geradezu unfassliches Novum.

Eine Symmetrie war zwischen dem die künftige Erinnerung Verweigernden und dem auf die Erinnerung pochenden Überlebenden hergestellt worden, eine Symmetrie, die offenbar akzeptiert wurde – wenige nur hatten sich über den Vergleich entsetzt – und somit die Gleichwertigkeit der Erinnerung und der Entsorgung ebenderselben mutatis mutandis legitimierte.

Dass Walser alsbald mit unverhohlener Begeisterung von Kreisen zitiert werden konnte, die eine Ideologie der „Normalität“ betreiben und den „Schlussstrich“ schon seit langem anstreben, war nicht verwunderlich; dass aber seine Argumantation, die diese Art von Beifall zu zeitigen vermochte, leichterdings der des ehemaligen Opfers ohne nennenswerten Widerspruch gegenübergestellt werden konnte, indizierte eine vorläufig nur latente und dennoch schon recht spürbare Wende im deutschen Diskurs über den Umgang mit der Vergangenheit.

Entdeckung Israels und des Antisemitismus

So stellten sich die Dinge noch vor rund zwei Jahrzehnten dar. Im ersten Jahrzehnt des angebrochenen neuen Jahrhunderts traten jedoch zwei gravierende Momente ein, die den Diskurs über Juden in Deutschland merklich affizierten. Zum einen änderte sich durch die massive Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland die jüdische Demographie dieses Landes von Grund auf. Denn nicht nur vervielfachte sich im Zuge dieser Immigration die jüdische Bevölkerung Deutschlands, wodurch eine zur neuen Qualität umgeschlagen substantielle Quantität zustande kam, sondern es reproduzierte sich zugleich eine innerjüdische ethnische Spannung zwischen den Alteingesessenen und den neuen Zugezogenen, die man strukturell aus früheren Zeiten der Geschichte der in Deutschland lebenden Juden kannte, namentlich als ressentimentbeladene Begegnung zwischen deutschen Juden und den von diesen als „Ostjuden“ apostrophierten jüdischen Flüchtlingen aus dem osteuropäischen Raum zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ironie des geschichtlichen Schicksals: Waren es noch alteingesessene deutsche Juden, die damals die Juden aus dem östlichen Raum als Fremde „in Empfang“ nahmen, waren es diesmal ehemalige, freilich mit dem Dünkel der Alteingesessenen sich schmückenden Ostjuden, die die neuen Ostjuden als solche misstrauisch beäugten, was allerdings auch mit den quantitativen Dimension der diesmaligen Einwanderung zu tun haben mochte: Ähnlich wie in Israel wurden „die Russen“ als Fremde rezipiert, die man aber ob ihrer großen – wirtschaftlich wie politisch gravierenden – Masse schlechterdings nicht ignorieren konnte.

Zum anderen aber „entdeckte“ man in diesem Jahrzehnt „Israel“, vor allem aber – damit freilich einhergehend – den „Antisemitismus“. Nicht dass die im Deutschland der Nachkriegszeit lebenden Juden keine Affinität zu Israel bezeugt hätten: Sie bekundeten ihre Solidarität mit dem „Judenstaat“, spendeten, investierten in ihn, kam zu regelmäßigen Besuchen, aber überblickt man die Ernte der jahrzehntelangen Arbeit der Zionistischen Jugendorganisation Deutschlands (ZJD) in den 1960er und 1970er Jahren (spätere Jahrzehnte dürfen hier von vornherein ausgeblendet werden), so ergibt sich ein klägliches Bild: Wenige der ohnehin wenigen, die den Weg der Alijah (Einwanderung in Israel) beschritten haben, sind in Israel geblieben; viele der gerade in jenen Jahrzehnten aktivsten Organisationsmitglieder sind wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Nicht darum geht es indes im anstehenden Zusammenhang, sondern um das Phänomen einer „Israelsolidarität“, die sich darin gefällt, jede (noch so berechtigte) Kritik am zionistischen Staat reflexartig als Antisemitismus zu (de)kodieren, und zwar nicht nur, um die Kritik als solche abzuschmettern, sondern zugleich auch den verhassten Kritiker öffentlich mit zu desavouieren. Dass besagte Israelkritiker zuallermeist nichts mit Antisemitismus im Sinne haben, und die Antisemitenjäger es offenbar nicht fertig bringen, zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik kategorial zu unterscheiden, hat dazu geführt, dass der Begriff des „Antisemitismus“ gerade im Munde derer, die ihn heute als Juden in Deutschland zu bekämpfen meinen, zur leeren Worthülse verkommen ist.

Waren die Juden der ersten Generation nach 1945 noch bemüht, keine Wellen zu schlagen, um ja nicht aufzufallen (zumal man sich als der deutschen Gesellschaft nicht zugehörig fühlte), schlug dieses Muster bei intellektuellen Vertretern der nachfolgenden Generation und der institutionalisierten Repräsentanz der Juden Deutschlands ins Gegenteil um: Mit unverhohlener Emphase geißelt man alles, was auch nur entfernt als „antisemitisch“ verwertbar scheint, um sich befindlichkeitsgeschwängert selbst zu setzen; man gehört zwar nach eigenem Bekunden noch immer nicht dazu (und will es auch wohl nicht), umso heftiger beklagt man dafür die paranoid aufgespürten Symptome des Nichtdazugehörens und bedient sich dabei des Gedenkkapitals der historischen Opfer zu fremdbestimmten Zwecken.

In Deutschland lebenden Juden stehen auf der alleruntersten Stufe der Hierarchie der Diaspora

Bittere Ironie: Die Israelsolidarität der in Deutschland lebenden Juden gemahnt an Scholems „unglücklich Liebenden“ (mit neuen Protagonisten und anderen Vorzeichen freilich). Denn die allermeisten Israelis mögen das von Deutschland nach Israel kommende Geld, sie lieben die stramme Solidarität der deutschen politischen Klasse mit Israel, viele lieben auch „deutsche Kultur“, neuerdings auch den touristischen Besuch in Deutschland; eines aber lieben sie mit Gewissheit nicht: in Deutschland lebende Juden.

Das hat weniger mit den realen Juden und jüdischen Gemeinden in Deutschland zu tun, als vielmehr mit einem Residuum der klassischen zionistischen Ideologie. Denn wenn die Raison d’être des Zionismus die Negation der Diaspora postulieren musste, die Diaspora mithin zum negativen Grundbestand dessen avancierte, woran sich zionistische Identität und israelisches Selbstbewusstsein über Jahrzehnte schärfte, so standen die nach Auschwitz in Deutschland lebenden Juden auf der alleruntersten Stufe der Hierarchie der Diaspora.

Nicht nur verstanden (und verstehen viele) Israelis nicht, wie sich Juden nach der geschichtlichen Katastrophe im Land der Täter einzurichten vermochten, sondern die schiere Tatsache, dass sie es taten, wurde für einen unhinterfragbaren moralischen Defekt erachtet. Man sollte allerdings hinzufügen, dass die in Deutschland lebenden Juden ihrerseits Israel und die Israelis eher abstrakt, eben aus angemessener Entfernung, zu „lieben“ pflegen. Von der israelischen Lebensrealität und den strukturellen Problemen des Landes haben sie gemeinhin nur ein begrenztes Wissen, und das, welches sie haben, wird für gewöhnlich mit der ideologischen Patina der Verklärung oder eben des rigorosen Engagements für die vermeintliche „jüdische Sache“ überzogen.

 

„Juden in Deutschland“ ist, so besehen, nicht von „Deutschland in den Juden“ zu trennen. Das festzustellen, mag nach Auschwitz trivial klingen. Nicht trivial ist es hingegen, darauf hinzuweisen, dass sich dieses Grundmuster früher oder später zu kruder Ideologie verfestigen muss, wenn nicht in Betracht gezogen wird, dass sich die Zeiten geändert haben und die neuen Herausforderungen an Juden und Deutschland, an Israel und seine Beziehung zu Deutschland, zu Deutschen und zu in Deutschland lebenden Juden historischem Wandel unterworfen und sind, mithin begonnen haben, sich neu zu strukturieren.

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