Sie sind hier:   Krass & Konkret   /   Autorenblogs   /   Zwischen zwei Ländern   /   Rosa Luxemburg – noch immer modern und aktuell?

Rosa Luxemburg – noch immer modern und aktuell?

14. März 2021, Moshe Zuckermann

 

Bild: Rosa Luxemburg-Stiftung/CC BY-2.0

Der Sozialismus, den Rosa Luxemburg vor Augen hatte, ist noch nirgends auf der Welt historisch geworden.

Vor 150 Jahren ist Rosa Luxemburg geboren worden. Ist sie heute noch immer modern und aktuell? Die Frage, die als solche einen gewissen Zweifel, dass sie es noch sei, indizieren mag, enthält zwei miteinander verschwisterte Begriffe, die gleichwohl gesondert behandelt gehören.

Denn die Modernität Rosa Luxemburgs bemißt sich zunächst am Begriff der Modernität: Setzt man den Beginn des modernen Zeitalters (mithin der Moderne) in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an und begreift sie als Erzeugnis der weitreichenden wirtschaftlich-gesellschaftlichen Auswirkungen der industriellen Revolution, der den heutigen Natioalstaat zutiefst prägenden Einflüsse der Französischen Revolution sowie des geistig-kulturellen Impacts der europäischen Aufklärung, so gehört Rosa Luxemburg zweifellos diesem Zeitalter, mithin der Tradition dialektischer Ausrichtung an, die herausragende Vertreter von Geist, Kultur und Politik zu ihm von jeher eingenommen haben.

Geht man zudem davon aus, daß dieses Zeitalter – trotz gegenteiliger Beteuerungen, daß er von der sogenannten „Postmoderne“ beerbt worden sei – längst nicht an sein Ende gelangt ist (und welchen Grund hätte man, solchen Behauptungen Glauben zu schenken, bedenkt man die mittlerweile globale Tragweite des Kapitalismus, den Einfluss, den der Nationalstaat noch immer auf das politische Selbstverständnis seiner Bürger ausübt, ja selbst die aufklärerische Matrix, die heutiger gewachsener Aufklärungskritik zugrundeliegt), so kann kein Zweifel daran bestehen, daß Rosa Luxemburg als bemerkenswerte Gestalt seiner Geschichte im tiefsten Sinne modern ist. Als modern muss denn auch ihr Denken und Handeln sowie deren Bedeutung für uns heute gedeutet werden.

Die Aktualität Rosa Luxemburg ist wieder ein anderes Thema. Seinem Wesen nach befasst sich das Aktuelle stets mit dem Hier und dem Jetzt. So erhebt sich die Frage, ob ein über hundert Jahre altes Wissens- und Denkkompendium in der Lage sein könne, Begriffe und Koordinaten für die Analyse und theoretische Durchdringung jetztiger Strukturen und Prozesse und deren adäquate Konfrontation anzubieten.

Die Historizität der Dinge kann durchaus ihr Wesen (oder zumindest ihre Erscheinung) verändern; die Möglichkeit ihres Überdenkens oder gar eines totalen Umdenkens angesichts geschichtlicher Entwicklungen und gewichtiger struktureller Umbrüche darf daher nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Marx selbst wäre wohl der erste, einer solchen Grundeinstellung das Wort zu reden.

Sozialismus und politische Demokratie

Eine andere in diesem Zusammenhang zu erörternde Frage betrifft das Verhältnis von Sozialismus und politischer Demokratie. Das Problem der Verbindung zwischen beiden ist dabei kein rein theoretisch-begriffliches, sondern hat nicht zuletzt mit dem historisch-empirischen Kriterium zu tun, dessen man sich bedient, wenn man eine Affinität bzw. einen inhaltlichen Gegensatz zwischen diesen Begriffen postulieren möchte. Man kann sich ja auf eine reiche historische Erfahrung mit der (westlichen) politischen Demokratie samt ihrer Erfolge und Errungenschaften, aber auch ihrer Defizite und Widersprüche berufen. Kann man aber auf eine vergleichbare historisch-empirische Erfahrung mit dem Sozialismus verweisen?

Es kann (zumindest im Westen) kein Zweifel hinsichtlich des Siegeszugs der politischen Demokratie – jener auf der Forderung von Menschen- und Bürgerrechte, von individuellen Freiheiten, auf „von unten“ kommender Legitimation der Herrschaft, auf öffentlichem Involvement in der Handhabung des Gemeinwohls und dergleichen mehr basierenden politischen Form – bestehen. Wohl wahr, es handelt sich nicht um eine soziale, sondern um eine politisch-formale Demokratie, mithin um eine strukturbedingte Diskrepanz zwischen den ideellen Postulaten von Freiheit und Gleichheit und der realen Möglichkeit ihrer sozial-ökonomischen Verwirklichung. Und doch bildet die politische Demokratie als solche einen zentralen Bestandteil der Erfahrungswelten, die das Dasein der in ihr lebenden Menschen immer schon geprägt haben und immer noch prägen. Nichts annährend Ähnliches kann vom Sozialismus behauptet werden.

Der Sozialismus – der, den Rosa Luxemburg vor Augen hatte, zumal – ist noch nirgends auf der Welt historisch geworden. Aus diesem objektiven Weltzustand leitet sich ab, daß man es möglicherweise nicht nur mit der Bedingtheit des einen (Sozialismus) durchs andere (politische Demokratie) zu tun hat, sondern auch mit der verstörenden Frage, ob der Kampf um die politische Demokratie nicht gerade den ideologischen Tendenzen jener dienstbar gemacht werden kann, die sich dem Sozialismus widersetzen und seine geschichtliche Verwirklichung zu verhindern trachten.

Sozialismus und das Problem der Ökologie

Als nicht minder komplex im Kontext des hier erörterten Aktuellen erweist sich auch die Verbindung von Sozialismus und dem akuten Problem der Ökologie. In der deutschen Denktradition wurde dieses Problem stets als Teil der Grundfragen über das Verhältnis von Mensch und Natur, Natur und Kultur, Geschichte und Natur etc. verhandelt. In der historische Praxis des 20. Jahrhunderts erhielt indes dieser fundamentale, zunächst rein theoretische Diskurs einen gänzlich anderen Stellenwert, als er im 19. Jahrhundert üblicherweise innehatte.

Heute kann das bedrückend Akute dessen, was (aufgrund erschreckendster empirischer Erkenntnis) als eine die Welt bedrohende „Umweltkatastrophe“ apostrophiert wird, nicht mehr bezweifelt werden, ein Umstand, der die Handhabung des ökologischen Problems, wie es sich mittlerweile historisch real manifestiert, zum allgemeinmenschlichen Interesses hat avancieren lassen.

Andererseits kann nicht in Abrede gestellt werden, daß die Entwicklung der Produktionsmittel in der gegenwärtigen Geschichtsphase großteils noch immer auf Ausbeutung, mithin systematischer Zerstörung der Natur basiert. Die hehre Vision einer Versöhnung des Menschen mit der Natur, die Marx, vor allem aber marxistische Denker in seiner Folge vor Augen hatten, steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht im Blickfeld realer historischer Möglichkeiten.

Mehr noch: Der praktisch vollzogene Versuch, sich mit den ökologischen Bedrohungen durch eine Entschleunigung der Entwicklung der Produktionsmittel, mithin der Produktion und des Konsums, global auseinanderzusetzen, könnte sich als eine mögliche Lösung für einen Teil der Welt, aber als fataler Todeshieb für andere ihrer Teile erweisen. Eine Rücknahme des Lebensstandards im westlichen Kapitalismus läßt sich nicht auf eine Stufe mit dem permanenten Kampf um die Überwindung des fundamentalen Mangels in der dritten und vierten Welt stellen.

Widerstand gegen den Krieg

Eine weiteres gewichtiges Moment jetztiger Aktualität verweist auf ein zentrales Motiv im Denken und Wirken Rosa Luxemburgs: ihr Widerstand gegen den Krieg. Geht man dabei über Luxemburgs Grundhaltung zum modernen Krieg als einer in gewissen historischen Situationen verwendeten, gleichsam „natürlichen“ Fortsetzung des perfekt praktizierten Kapitalismus und als einer für selbstverständlich erachteten Station in der Katastrophengeschichte menschlicher Barbarei hinaus und betrachtet den aktuellen Kontext des Nahostkonflikts, fallen die eklatanten Unterschiede zwischen den Kriegsdiskursen der deutschen Linken und denen der radikalen israelischen Linken (also nicht jener Linken, die sich durch den periodisch aufflammenden Krieg in der hiesigen Region „verwirren“ lässt, dem Krieg gar eine gewisse Lust abzugewinnen vermag).

Während sich die radikale israelische Linke auf Kategorien der Kriegskritik im Sinne Rosa Luxemburgs berufen könnte, neigt die deutsche Linke sich ihrerseits „verwirren“ zu lassen, sobald es um die Kriege Israels geht: Hatte sie es sich in der Vergangenheit nicht nehmen lassen, diese Kriege von den spezifischen Zusammenhängen des Nahen Ostens und den Zwängen, die den jeweiligen Krieg bewirkt haben, zu abstrahieren, so scheint sie sich mittlerweile dermaßen eines anderen besonnen zu haben, daß sie diese Kriege nicht mehr anders denn als Kriege des aus der Shoah geborenen Judenstaates gegen die, die an ihm die nächste Shoah verüben wollen, zu begreifen vermag.

Es handelt sich dabei um eine gängige deutsche Neuralgie, die primär von deutschen Befindlichkeiten in bezug auf Deutschlands kollektive Vergangenheit herrührt, nur wenig aber mit der Realität des Nahostkonflikts zu tun hat, auf den nun aber deutsche Linke ihre Auseinandersetzung mit den eigenen Befindlichkeitsbedürfnissen zu projizieren pflegen. In einer offiziell proklamierten politischen Kultur der moralischen Verpflichtung den „Juden“ und ihrem Staat „Israel“ gegenüber, einer Kultur, die in letzter Zeit zu einer inzwischen nachgerade etablierten Verwechslung von Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik geronnen ist, ist der Diskurs über „Israel“, seine Kriege und das von ihm betriebene Okkupationsregime längst zum ideologischen Fetisch verkommen. Es besteht offenbar kein wirkliches Interesse an der Differenzierung der Kategorien, und sei’s um der schlichten Einsicht, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, daß nicht alle Juden Zionisten, nicht alle Zionisten Israelis und nicht alle Israelis Juden sind.

Luxemburg und Marx

Und noch ein Letztes zur Modernität und Aktualität Rosa Luxemburgs. Ich meine die Tatsache, dass Luxemburg, mehr als andere zu ihrer Zeit, redlich bemüht war, Marx vor Deutungen und Auslegungen verschiedener theoretischen und politischer Marxisten zu retten. Es dürfte entsprechend nicht überflüssig sein, Marx‘ eigener Modernität und Aktualität im Spiegel der Rezeption seines Denkens durch Rosa Luxemburg hier kurz anzureißen.

Bekannt ist das Diktum des frühen Marx, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt. Dieser Satz zeitigte bei vielen von Marxens Anhängern eine Art historisch-deterministischen Optimismus, wonach die gute Einrichtung der Gesellschaft hinreiche, um das Bewusstsein zu veranlassen, sich ihr adäquat anzupassen. Wohl mag diese Schlussfolgerung in letzter Rechnung ihre Triftigkeit wahren, aber die historischen Prozesse seit Marx zwingen uns einen gewissen Zweifel im Hinblick auf das Mechanische der Bewusstseinsentfaltung auf. Denn das soziale Sein kann, Marx zufolge, nicht nur das Bewusstsein, sondern nicht minder auch das (notwendig) falsche Bewusstsein bestimmen.

Es geht hierbei um das besonders komplexe Problem einer möglichen Überwindung ideologischer Verblendungen. Diese Verblendungen sind aber nicht als einfache Denkverzerrungen im kognitiven Bereich zu verstehen, sondern als Abirrungen, die in verborgenen psychischen Bedürfnissen wurzeln. Diese Bedürfnisse rühren aber ihrerseits von langen Sozialisationsprozessen her, mithin der Schwierigkeit, sich vom Altbekannten zu verabschieden und sich einer ungewissen Zukunft zu überantworten.

Es reicht also nicht hin, nachzuweisen, wo die wahren Interessen der Menschen liegen; es bedarf der Auseinandersetzung mit ihrer angstgesteuerten Zögerlichkeit, um diese Interessen zu kämpfen. Und das macht das eigentliche Schwierige von Ideologiekritik aus; denn es handelt sich dabei letztlich um den altbekannten Teufelskreis, wonach kein freies Sein ohne freies Bewusstsein möglich ist, das freie Bewusstsein aber stets durch das freie Sein bedingt ist. Die Aussicht, sich diesem Teufelskreis zu entwinden, erscheint gering, weil sich der Kapitalismus als ein beeindruckendes Stehaufmännchen erweist, ein elastisch-flexibler Gesellschaftsapparat, der es schafft, das Bewusstsein der Massen bei jeder Krise, in die er gerät, bei jeder historischen Situation, die scheinbar seinen Zusammenbruch einläutet, stets aufs Neue in seinem Sinne zu manipulieren.

Und weil es um einen langen historischen Kampf geht, bei welchem es die regulative Idee der menschlichen Emanzipation zu wahren gilt, darf und sollte man sich an dem orientieren, was Rosa Luxemburg in ihrem Leben und Werk, ja selbst noch in ihrem Tod verkörpert hat – dass nämlich geschichtlich noch nicht das letzte Wort gesprochen worden ist, und dass alles, was historisch entstanden ist, historisch auch überwunden werden kann.

Kategorisiert in:

Buchtipp

Peter Bierl

Die Revolution ist großartig

Rosa Luxemburg ist eine Ikone der Linken, doch ihre inhaltlichen Positionen werden oft ignoriert. Diese Ambivalenz zeigte sich bereits kurz nach ihrer Ermordung, als die KPD der Märtyrerin zwar ein...

Zum Buch

Rosa Luxemburg

Friedensutopien und Hundepolitik. Schriften und Reden

Zum 100. Mal jährt sich am 15. Januar 2019 die Ermordung von Rosa Luxemburg durch Mitglieder eines nationalistischen Freikorps. Luxemburgs Rolle als Wortführerin der radikalen Linken hatte sie früh...

Zum Buch

Ernst Piper

Rosa Luxemburg

Konsequente Internationalistin, distanzierte Feministin, emanzipierte Jüdin - wer war Rosa Luxemburg?

Rosa Luxemburg war die bedeutendste Frau, die jemals in der europäischen...

Zum Buch


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.