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Von Weisheit und Weisen

27. März 2021, Moshe Zuckermann

Bild: Free-Photos/Pixabay.com

Weisheit, die sich gegen Verdummung stellt, wird heute gerne als neue Form undemokratischer Macht- und Herrschaftsmanipulation abgewiesen. Warum an einem Elitismus festgehalten werden muss.

Es zeugt von der Verwirrung heutiger Zeit, dass man sich bei der Frage, was einem Weisheit bedeute bzw. durch wen sie verkörpert werde, nahezu unweigerlich in die Verlegenheit politisch korrekter Überlegungen gedrängt fühlt. Man möchte „elitistische“, ethnisch kompromittierende, mithin „absolute“ Antworten vermeiden. Der postmoderne Werterelativismus ist einem offenbar unter die Haut gefahren, selbst dann, wenn man ihn für politisch amoralisch, vor allem aber für philosophisch unzulänglich hält.

Um ja nicht in den Verdacht zu geraten, „undemokratisch“ zu sein, ist man geneigt, verpflichtenden Antworten auszuweichen und sich einer perfiden Ideologie der „Bescheidenheit“ bzw. der Unbekümmertheit vorgeblicher Ignoranz hinzugeben. Man ist gleichsam o.k., wenn man nicht weiß, was Weisheit heute noch sein mag und wo sie zu verorten sei.

Es gibt andererseits aber auch gute Gründe, sich nicht auf einen kulturell einheitlichen Weisheitsbegriff festzulegen. Denn sosehr man sich nicht scheuen sollte, das Weise von Unweisem zu (unter)scheiden, ist auch durchaus zuzugestehen, dass Weisheit heterogene Erscheinungsformen, unterschiedliche Diskurszusammenhänge und vielerlei soziale Orte haben kann: von philosophisch geschärfter über religiös bzw. mystisch fundierter bis hin zur erfahrungsgestählter Weisheit; von kontemplativer über intuitiv aufscheinender bis hin zur wissenschaftlich forschenden Weisheit; von akdemisch-geistig gebildeter bis hin zur volkstümlich-spontanen Weisheit – es lässt sich kein einheitlicher Maßstab festmachen, weil sich der kulturelle Kontext, der Bedeutungszusammenhang und die Funktion von Weisheit von Gesellschaft zu Gesellschaft, von einem Kulturfeld zum anderen, von einer Diskursformation zur nächsten ändern.

Wenn sich aber Weisheit so vielfältig manifestiert, so heißt es auch – abgesehen von der dadurch entstehenden Definitionsverlegenheit –, dass sie gesellschaftlich und kulturell in weit größerem Maß vorhanden ist, als es zunächst scheinen mag. Wie kommt es also zum Gefühl der von der „Nouvel Observateur“ vor einigen Jahren postulierten Unsicherheit angesichts der sich rapide wandelnden Welt; zur Unbeholfenheit gegenüber der „Erfahrung eines Mangels an Weisheit“?

Die Antwort hierauf hat zum einen in der Tat mit den erwähnten Pluralisierungs- und Relativierungstendenzen zu tun: Die Vielfalt verunsichert, Verhältnismäßiges unterläuft traditionelle Gewißheiten; „Klarheit“ und „Eindeutigkeit“ sehen sich durchs Schillernde bedroht. Zum anderen – und das scheint für das Gefühl des Mangels an Weisheit in weit größerem Maße verantwortlich zu sein – sind gerade im Zeitalter spätkapitalistischer massenmedialer Vermittlung von Kultur, Wissen und Information die hochentwickelten Verdummungsapparaturen des Massenpublikums wirkmächtiger denn je.

Denn was noch Horkheimer und Adorno Ende der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts als einen von oben gesteuerter Manipulationsmechanismus moderner Massenkultur ausmachten, ist mittlerweile zur allgegenwärtigen Realität einer bis in die entlegensten Poren unserer Alltagswirklichkeit eindringenden Kulturindustrie avanciert. Das Dauerfestival einer von „Events“ und Reizüberflutung durchwirkten Unterhaltungs-, Zerstreuungs- und „Spaß“-Kultur verformt das Bewusstsein eines von Quoten- und Profitpolitik in zunehmendem Maß zugerichteten Konsumpublikums in einer Art und Weise, die alles Anspruchsvolle als eierköpfige Schwere bzw. als elitär-arroganten Snobismus abstempelt, alles leicht – weil vorverdaut – Zugängliche hingegen als „demokratisch“, „volksnah“, weil vom Publikum „gewollt“, rühmt. Weisheit, die sich gegen Verdummung stellt, wird dabei als neue Form undemokratischer Macht- und Herrschaftsmanipulation abgewiesen; das vulgäre „Spaß“-Erlebnis dafür als eine neue Version populärer Authentizität gepriesen.

Kritik am Elitären

Perfide nimmt sich dabei aus, daß es gerade Denker der „hohen“ Kultursphäre sind, welche hinter den scheinheiligen Schutzschildern postmoderner Beliebigkeit einer sich als „authentisch“ gerierenden Geistfeindlichkeit das Wort reden. Sie fungieren dabei nolens volens als kulturelle Komplementärelite einer inzwischen unverhohlen agierenden, durch und durch profitorientierten Kulturindustrie, die  Kunst, Wissen und Geist längst dem Warenprinzip unterworfen, dabei Kultur, pseudodemokratisch ideologisierend, endgültig der Logik von Markt und Kommerz ausgeliefert hat.

Es sei in diesem Zusammenhang an eine bereits siebzig Jahre zurückliegende Äußerung Adornos aus der „Minima Moralia“ erinnert: „Kultivierte Banausen pflegen vom Kunstwerk zu verlangen, daß es ihnen etwas gebe. Sie entrüsten sich nicht mehr über das Radikale, sondern ziehen auf die unverschämt bescheidene Behauptung sich zurück, sie verstünden nicht. Diese beseitigt noch den Widerstand, die letzte negative Beziehung zur Wahrheit, und das anstößige Objekt wird lächelnd unter seinesungleichen, den Gebrauchsgütern katalogisiert, zwischen denen man die Auswahl hat und die man ablehnen kann, ohne selbst nur dafür die Verantwortung zu tragen. Man sei eben zu dumm, zu altmodisch, man könne einfach nicht mit, und je kleiner man sich macht, um so zuverlässiger partizipiert man am mächtigen Unisono der vox inhumana populi, an der richtenden Gewalt des petrifizierten Zeitgeists. Das Unverständliche, von dem niemand etwas hat, wird aus dem aufreizenden Verbrechen zur bemitleidenswerten Narretei.“

Man hat gegen diese Sicht des modernen Kulturfeldes den Vorwurf von „Elitismus“ erhoben. Nicht nur verstünde der so argumentierende Kritiker offenbar nicht, welche subkulturellen Kodes sich den genuinen Rezipienten von Massenkultur in dieser – ihrer – Kultur darböten, sondern er maße sich darüber hinaus auch an, sein Verständnis von hoher Kultur den Massen als Maßstab zu setzen, ihnen gleichsam etwas abzuverlangen, dessen sie ihrem realen Dasein nach gar nicht mächtig sein könnten, mithin aber auch gar nicht zu sein bräuchten. „Seine“ hohe Kultur sei nun mal nicht die ihre.

Theoretische Schützenhilfe erhielt diese Kritik am Elitären, wie gesagt, von postmodernen Ansätzen, die teilweise einem rigorosen Kulturrelativismus das Wort redeten, daher auch jegliche Art vertikaler Hierarchisierung abgebaut wissen wollten. Daß dabei Sprache und Anspruch dieser Kritik am Elitären selbst einen elitären Diskurs reproduzieren, somit den schieren Tatbestand hierarchischer kultureller Praxis perpetuieren, soll hier unerörtert bleiben. Gefragt sei gleichwohl nach dem Begriff des Elitären, das sich moralisierender Kritik ausgeliefert sieht.

Es handelt sich bei solchen antielitären Attacken um eine demokratisch sich dünkende Kritik. Nicht nur wird die Arroganz des „von oben“ argumentierenden Kulturkritikers angeprangert, sondern die schiere Vorstellung, daß es nicht nur nominelle Unterschiede, sondern in der Tat hierarchisierende Maßstäbe für Kultur- bzw. Kunstleistungen geben könne, wird in Abrede gestellt. Affirmativ wird davon ausgegangen, dass das, was Menschen in ihren Lebenswelten kulturell durchleben, als solches, eben als das je Eigene, nicht hinterfragbar sei. Man ehrt gewissermaßen die Menschen, indem man ihr Leben – „so wie es ist“ – respektiert. Das Leben selbst wird zwar eingehend anvisiert, jedoch eher im Sinne eines Beschauens von Exotischem. Das authentisch Spezifische erweist sich dabei als Telos einer sich empathisch gerierenden Neugierde.

Pose des generösen Außenbeobachters, der aus liberal-tolerantem Impuls die „Würde“ des materiell oder geistig Verarmten zu „respektieren“ weiß

Nun ist freilich nicht alles Authentische im “Stande der Unfreiheit” auch erstrebenswert. Das „authentische Leben“ in einem degenerierten Slum mag für den Außenstehenden den Reiz authentischer Subkultur, eben den genuiner Armut ausstrahlen; fraglich ist gleichwohl, ob es für den notleidenden Slumbewohner einen ähnlichen Reiz ausübt. Selbst jedoch, wenn dies bejaht werden sollte, sei hier die zusätzliche Frage gewagt, ob man das vom notleidenden Subjekt „angenommene“ eigene Schicksal grundsätzlich zu akzeptieren hat, nur weil es von seinem (freilich selten selbst befragten) Träger aus vermeintlich „freiem Willen“ – gleichsam „selbstbestimmt“ – ertragen wird? Die Antwort hierauf dürfte sich bei jedem emphatischen, emanzipativ ausgerichteten Gesellschaftsbild von selbst bieten.

Ist aber eine solche Analogie zulässig? Geht es an, daß man die Not materieller Armut zum Vergleich mit Auswirkungen einer womöglich als „fun“ erlebten, wie immer primitiven Massenkultur heranzieht? Selbstverständlich nicht – es sei denn im Sinne des vergleichbaren Effekts (oder gar eines möglichen Kausalzusammenhangs zwischen) materieller und geistiger Verarmung.

Nicht darum geht es aber im hier erörterten Zusammenhang, sondern um die Pose des generösen Außenbeobachters, der aus liberal-tolerantem Impuls die „Würde“ des materiell oder geistig Verarmten (freilich unter Beibehaltung der Verarmung als solcher) zu „respektieren“ weiß. Es gibt nichts an der Armut, das es zu respektieren gilt; hingegen gibt es vieles, das sich gesellschaftlich gegen materielle wie geistige Armut unternehmen ließe. Wenn man jedoch die Verarmung „hinnimmt“, ja respektiert, ohne das gesellschaftlich Versäumte zumindest reflektiert zu haben; wenn man das schlecht Bestehende in seiner vermeintlichen „Authentizität“ absegnet, so handelt man im schlimmsten Sinne des Wortes ideologisch. Wenn man aber darüber hinaus die „demokratische“ Absegnung geistiger Verarmung von der objektiv privilegierten Stellung akkumulierten Kulturkapitals vollzieht, wird die Liberalität perfide, die Toleranz repressiv.

Wenn also die Kritik geistiger Verarmung (im massenkulturellen Bereich) des ‚Elitismus‘ geziehen wird, muss man fragen, von welchem ‚Elitismus‘ die Rede ist. Denn eine Sache ist die elitäre Arroganz machtorientierten Ausspielens von Kulturkapital, wie er in der Tat über Jahrhunderte von den jeweils herrschenden Klassen betrieben wurde. Ein „Elitismus“ gänzlich anderer Art durchwirkt die oben zitierte Feststellung Adornos. Ein „Elitismus“ ist es, der nicht „von oben“ den Wünschen „des Volkes“ nachkommt, sondern kompromisslos fordert, dass „hohe“ Kultur allen zugänglich, allen „verständlich“ werde; ein „Elitismus“ mithin, der sich einem Dasein, das den Menschen entmenschlicht, dabei die Stimme „des Volkes“ inhuman werden lässt, grundsätzlich widersetzt; ein ‚Elitismus‘, der eine befreite Gesellschaft anstrebt, in welcher repressive Unterscheidungen von „hoch“ und „niedrig“, nicht nur im Bereich der Kultur, sondern in allen Sphären des Lebens von selbst einstürzen würden; ein gleichwohl nachdenklicher, ernster gewordener „Elitismus“, der sich damit auseinandersetzen muss, dass die Wahrscheinlichkeit einer solchen freien Gesellschaft immer geringer werde, je drastischer die Herrschaft der kulturellen Verdinglichungsmechanismen über das gesamte soziale Dasein des Menschen expandiert.

Die Verwirklichung solch „elitärer“ Vision ist demnach notwendig an die Existenz einer anderen Gesellschaft gekoppelt, eine Möglichkeit, die sich freilich dem durch das real Bestehende, durch die Brutalität der einem „schweren Arbeitstag“ zugrunde liegenden gesellschaftlichen Logik geblendeten Auge entzieht, und dennoch – trotz allem – gelegentlich noch als das so genannte „ganz Andere“, als kurze, seltene Wahrheitsmomente „hoher“ Kultur aufscheinen mag. Denn wenn dem nicht mehr so ist, wenn man auch den Verwirklichungsmöglichkeiten solchen utopischen Aufscheinens endgültig entsagt – wenn Kultur also keine utopische Verheißung mehr birgt –, bleibt es sich letztlich auch gleich, welche Kultur dominant ist bzw. rezipiert oder konsumiert wird, womit auch der (demokratisch gemeinte) Zusammenbruch der hierarchischen Unterscheidung zwischen Elite- und Populärkultur endgültig jegliche Bedeutung verlöre.

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