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H&M: Warum es dem schwedischen Modekonzern in China an die Wäsche geht

6. April 2021, Jens Mattern

H&M-Werbung bei Weibo

Das Unternehmen hatte im Herbst 2019 die Arbeitsbedingungen in den Baumwollregionen von Chinas Westen kritisiert, Boykottaufrufe und eine staatliche Kampagne ruinieren das Geschäft.

 

Der schwedische Bekleidungskonzern H&M verzeichnet einen Milliardenverlust (in schwedischen Kronen) im ersten Quartal. Der Grund liegt auch in einer von China gesteuerten Kampagne und in Boykottaufrufen gegen das Unternehmen. Einige Filialen in China mussten bereits schließen, da Mietverhältnisse aufgekündigt wurden, vor anderen stehen Demonstranten, welche eine Entschuldigung fordern.

H&M hatte im Herbst 2019 die Arbeitsbedingungen in den Baumwollregionen von Chinas Westen deutlich kritisiert. Dort sollen die Uiguren und andere muslimische Minderheiten in Zwangsarbeit auf den Feldern tätig sein.

Allgemein wird das staatlichen Vorgehen gegen die Uiguren international angeprangert. Die EU, USA und Kanada  haben darum aufgrund der Missverhältnisse kürzlich Sanktionen gegen China erlassen, was dort die antiwestliche Stimmung hochkochen ließ. H&M wird von chinesischen Medien Heuchelei sowie Denunzierung Chinas vorgeworfen.

Das Unternehmen hatte selbst Verträge mit dem chinesischen Konzern „Huafu Fashion“, der Baumwolle aus der Region  Xinjiang bezieht. Diese Geschäftsbeziehung wurde im vergangenen September von schwedischer Seite aufgelöst.

Die seit einem Jahr anhaltenden Kampagne Chinas gegen den Konzern hat sich nach den Sanktionen verschärft und mittlerweile dazu geführt, dass die Mode aus Schweden nicht mehr über die Internetplattform von Alibaba zu kaufen ist, auf den Smartphones von Huawei und Xiamoi kann die App nicht mehr installiert werden und die chinesischen Suchmaschinen liefern mittlerweile für „H&M“ keine Ergebnisse mehr. Hinter den Aktionen steckt auch offiziell die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei.

Hinzu kommt eine Kampagne in den Sozialen Medien und Nachrichtenagenturen, die auch gegen Amerika zielt und von der New York Times  untersucht wurde: mit Peitschen bewehrte Weiße sollen auf den amerikanischen Rassismus und die brutale Behandlung der Schwarzen auf den US-Baumwollfeldern im 19. Jahrhundert erinnern. Das Timing ist gut – derzeit wird der Fall von George Floyd vor Gericht in Minneapolis verhandelt. Der Afroamerikaner wurde im vergangenen Jahr bei seiner Festnahme durch den Polizisten Derek Chauvin erstickt, was massive Proteste weltweit auslöste. China will das klassische Argument der Amerikaner für internationale Interventionen, die Menschenrechte, nun selbst gegen den Gegenspieler anwenden.

Doch warum wird in China gegen H&M, für das das Reich der Mitte der viertgrößte Markt ist, so scharf reagiert? Schließlich haben auch andere ausländische Unternehmungen die Unterdrückung der Uiguren kritisiert.

Die schwedische Zeitung „Expressen“ glaubt, dass die schon lange schlechten bilateralen Beziehungen Schuld sind. Und dies liegt in der Natur der beiden Staaten: Auf der einen Seite die humanitäre Großmacht, die sich gerne für Menschenrechte in fernen Ländern engagiert, auf der anderen Seite die reale Großmacht, die ungehalten wird, wenn das Thema „Human Rights“ von Vertretern des fernen Westens zur Sprache gebracht wird. Und wohl noch ungehaltener, wenn dies ein kleines Land tut.

„China stellt die größte Bedrohung Schwedens dar“, erklärte zudem ein Vertreter des schwedischen Geheimdienst „Säpo“ unverblümt im vergangenen Herbst, worauf die rot-grüne Minderheitsregierung unter Stefan Löfven die Einführung des Mobilfunkstandards durch den chinesischen Technologieriesen Huawei unterband.

H&M versucht sich in China mittlerweile in Schadensbegrenzung und rudert zurück – dass man keine Baumwolle aus der Provinz Xinjiang bezieht, habe keine politische Gründe, versichert der Konzern auf seiner chinesischen Internetseite, denn man „respektiere die chinesischen Kunden“.  Zudem wolle man das Vertrauen der Chinesen zurück gewinnen und die „lokalen Regeln befolgen“.

Ein Statement, das in China zufrieden zur Kenntnis genommen wird. Die Zeitung „Göteborgs Posten“ hält mit einer kleinen Kampagne dagegen – ihre Leser „sollen Widerstand gegen die Diktatur China“ zeigen und darum bei H&M kaufen.

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