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Identitätspolitik: „Schlechtes Gewissen einer Wohlstandselite“

22. April 2021, Florian Rötzer

Judith Sevinç Basad im Gespräch mit Florian Rötzer. Bild: Screenshot Video

Judith Sevinç Basad über ihr Buch „Schäm dich!“, die Kritik an der Identitäts-, Gender- und Antirassismuspolitik und die Weltsicht der Sprachaktivisten. Das Gespräch im Video.

Ihr Buch ist eine Kampfschrift gegen die Identitätspolitik. Häufig verwenden Sie dort den Ausdruck „Social Justice Warriors“. Was versteht man darunter?

Judith Sevinç Basad: Unter Social-Justice-Aktvismus versteht man in erster Linie den Aktivismus, der an amerikanischen Universitäten stattfindet. Eigentlich beschreibt „Social Justice“ die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die sich in den 1950er Jahren für die Rechte von Schwarzen und später auch für die Rechte von Frauen und Homosexuellen eingesetzt hat. Seit den 2010er Jahren kam aber ein neuer Aktivismus auf, der immer krassere Methoden anwendete, um das Ziel der „Sozialen Gerechtigkeit“ durchzusetzen. Um Rassismus zu bekämpfen, werden etwa an Unis Veranstaltungen gesprengt oder es werden Tage eingeführt, an denen Aktivisten weiße Studenten auffordern, die Uni nicht zu besuchen. Das ist ein Aktivismus, der wieder in Hautfarben denkt und glaubt, durch postmoderne Theorien die Welt verändern zu können oder sie in einen besseren Ort zu verwandeln.

Und diese Welle ist nach Deutschland übergeschwappt?

Judith Sevinç Basad: Ja, darüber geht es in meinem Buch: Wie sich dieser Aktivismus, der damals einer guten Intention folgte, während der letzten Jahrzehnte mehr und mehr in eine reaktionäre Bewegung verwandelt hat, und wie sich diese Bewegung gerade in Deutschland äußert.

In Deutschland gibt es keine Gesellschaft wie in den USA. Schwarze sind bei uns relativ selten, weswegen wir Rassismus-Diskussionen eher über Migranten führen …

Judith Sevinç Basad: Das ist gerade das Absurde daran: Dass sich solche Theorien wie die Critical Whiteness oder die Critical Race Theory an den Problemen der US-amerikanischen Gesellschaft orientieren, also an den Zuständen in einem Land, das einen viel höheren Anteil an Schwarzen, eine andere koloniale Vergangenheit und andere soziale Probleme hat als Deutschland.

Sie sagen, dieser von Theorien unterstützte Aktivismus geht auf postmoderne Theorien zurück. Die sind ja vornehmlich in Frankreich entstanden und dann in die USA gekommen. Wäre es dann doch eher eine europäische Denkrichtung?

Judith Sevinç Basad: Man sagt gerne, es sei ein postmoderner Aktivismus, aber eigentlich haben diese Theorien mit dem Postmodernismus nichts mehr zu tun. Es wurde eher ein postmodernes Cherry-Picking betrieben. Das funktioniert so: Man fischt sich einzelne Bausteine aus der Postmoderne heraus, wie etwa die Annahme, dass es objektive Erkenntnisse nicht mehr geben kann, weil alles durch bestimmte Machtstrukturen gesteuert wird. Gleichzeitig werden diese Theorien aber pervertiert, indem behauptet wird, dass alles „sozial konstruiert“ ist, was von alten weißen Männern erfunden wurde. So wird der Schmerz der Betroffenen zur einzig realen Konstante. Ergo: Nur das, was diskriminierte Randgruppen erfahren, ist real, ist „wahr“ oder gut  – alles andere existiert einfach nicht, ist falsch oder moralisch verwerflich.

Da machen es sich die Aktivisten ziemlich einfach, oder?

Judith Sevinç Basad: Ja, auf jeden Fall. Diese plumpe Weltsicht zieht sich durch den ganzen Aktivismus: Der Westen, Weiße, Männer und Heterosexuelle sind Täter, der Orient, Migranten, Frauen und sexuelle Minderheiten sind Opfer. Diese „gesellschaftliche Struktur“, von der häufig die Rede ist, kann dann nur durch spezielle Methoden, wie Antirassismus-Seminare überwunden werden oder indem man Weißen die Jobs wegnimmt.

Eine solche Form der Biopolitik hat mit Foucault oder Derrida nichts mehr zu tun, da diese Philosophen keine politische Prämissen aus ihren Theorien abgeleitet haben. Auch die Poststrukturalisten, die die Grundlage für das Gendern und den ganzen Sprachaktivismus bilden, haben nie gefordert, dass die Sprache etwa in staatlichen Institutionen verändert werden muss, um eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen. Letztendlich wird dieses postmoderne Cherry-Picking betrieben, um eine Ideologie durchzusetzen, die nur noch in Hautfarben, Binaritäten und Feindbildern denkt. Das ist meiner Meinung nach sehr gefährlich.

Wohlstandsverwahrlosung einer Bildungselite

Sie sagen ja auch, es seien Menschen aus einer bestimmten Schicht, die diese Theorien verfolgen und diese Ideologie durchsetzen wollen. Wie würden Sie diese Schicht beschreiben? Die Rechten sagen ja, es sind vor allem die „linksversifften Grünen“, also relativ wohlhabende Menschen, die keine großen Probleme haben. Was treibt diese Menschen an?

Judith Sevinç Basad: Dahinter steckt ein religiöses Bedürfnis, das meiner Meinung nach mit einer Wohlstandsverwahrlosung einhergeht. Denn bei denjenigen, die in dieser Bewegung am lautesten sind – die etwa im Netz andere als Rassisten beschimpfen und Veranstaltungen sprengen – handelt es sich um eine Bildungselite, die gerne damit angibt, dass sie Foucault und Judith Butler verstanden haben.

Diese Art von Aktivismus ist deswegen so erfolgreich, weil sich alles ums Weißsein dreht. Motto: Wie können „wir Weißen“ bessere Menschen werden? Für mich ist ziemlich offensichtlich, dass dahinter ein schlechtes Gewissen einer Wohlstandselite steckt, die behütet aufgewachsen ist und nun für diesen Wohlstand Reue empfindet. Wenn weiße Studenten sich demonstrativ im Fernsehen, in Artikeln oder auf Social Media für ihre Hautfarbe schämen, dann ist das nichts anderes als die Sehnsucht nach Unterwerfung, Buße und Läuterung – damit man der Welt zeigen kann, dass man jetzt zu den moralisch Guten gehört.

Sie würden das aber in Deutschland nicht in Verbindung mit dem Nationalsozialismus bringen, der Genozide an Juden und anderen Menschengruppen wie Sinti und Roma verübt hat? Glauben Sie, dass mit der Identitätspolitik wieder eine völkische Ideologie auflebt?

Judith Sevinç Basad: Fakt ist ja: Die deutsche Geschichte ist durch die Shoa und den Nationalsozialismus geprägt. Bis heute gibt es deswegen – und auch wegen des NSU und den rechtsterroristischen Anschläge, die in letzter Zeit verübt worden sind – eine große Angst und Sensibilität, was das Weiterleben von nationalsozialistischem Gedankengut in der Gesellschaft angeht. Und es ist nur gut, dass man sich an die Geschichte erinnert und sich vor Augen führt, wie schnell es im 20. Jahrhundert gehen konnte, dass so etwas wie die Shoah geschehen konnte.

Aber hier liegt auch der große Widerspruch in diesem Aktivismus: Dass es die ganze Zeit um gesellschaftliche Strukturen geht, die nachleben, aber hier immer nur der Kolonialismus genannt wird. Signifikant für den Nationalsozialismus war ja, dass 6 Millionen Juden umgebracht worden sind. Aber ich habe noch keine Checkliste gesehen, die Menschen auffordert, den eigenen Antisemitismus zu reflektieren.

Sahra Wagenknecht hat auch gerade in neues Buch mit dem Titel „Die Selbstgerechten“ veröffentlicht. Sie argumentiert ähnlich wie Sie. Sehen Sie sich auf der ähnlichen politischen Linie?

Judith Sevinç Basad: Auf jeden Fall. Ich mag Sahra Wagenknecht sehr gerne. Ihre Systemkritik ist mir etwas zu hart, aber ihre Analyse der gesellschaftlichen Zustände und der woken, identitätspolitischen Bewegungen finde ich sehr treffend.

Ignoriert werden die sozialen Probleme

Wenn Sie Identitätspolitik kritisieren, werfen Sie den Vertretern vor, die realen Probleme zu übersehen. Was wären denn die wichtigen realen Probleme?

Judith Sevinç Basad: Die klassischen Probleme, die ignoriert werden, sind die sozialen Probleme. Im Moment läuft das so ab: In der Gleichstellungspolitik wird beobachtet, in welchen Bereichen Frauen, Migranten oder Menschen mit dunklerer Hautfarbe weniger vertreten sind. Dann geht man automatisch davon aus, dass nur das „rassistische System“ oder die koloniale Vergangenheit der Grund sein kann, wieso diese Menschen nicht aufgestiegen sind. Das ist einfach falsch.

Es gibt Tausende Studien zu diesem Thema. Der Grund, warum Migranten weniger oft Karriere machen oder weniger verdienen, hat häufig damit zu tun, dass sie aus ärmeren Ländern emigriert sind und, dass sie aus bildungsarmen und sozial schwachen Schichten kommen. Dazu kommt das Problem der fehlenden Integration hinzu. Und natürlich spielt Rassismus auch eine Rolle. Wenn junge Menschen nach Deutschland kommen und Rassismus erfahren, werden sie natürlich demotiviert. Aber zu behaupten, dass alleine die rassistische Struktur dafür verantwortlich ist, dass die Menschen nicht aufsteigen können, stimmt nicht. Die größten Probleme sind Integrationsprobleme, also dass die Kinder schlecht Deutsch sprechen, dass sie nicht wissen, wie der Arbeitsmarkt oder das Schulsystem funktioniert, dass sie wenig Unterstützung von den Eltern erhalten, weil diese sich nicht auskennen. Hier müsste der Staat viel mehr aushelfen. Aber mit solchen Problemen wollen sich die Aktivisten nicht beschäftigen.

Sie werfen ihnen vor, sie müssten mehr auf die sozialen Strukturen von Armut und Reichtum sehen als auf das Geschlecht, die Hautfarbe oder die Religion.

Judith Sevinç Basad: Genau. Bloß weil jemand eine dunkle Hautfarbe hat, heißt das ja noch nicht, dass er Probleme bei der Integration hat oder, dass die Eltern nicht reich sind. Etwas auf äußere biologische Merkmale zu reduzieren, läuft für mich in die verkehrte Richtung. Man kann den Aspekt der Migration, natürlich unter die Lupe nehmen und schauen, wie sich eingewanderte Communitys verhalten und wie man nachhelfen kann. Aber letztendlich hat es immer damit zu tun, wie der Bildungsstand der Eltern ist und wie die Integration verläuft.

Nun könnte man auch sagen, dass die Ausrichtung auf die Identitätspolitik etwa in den USA den Trumpismus gefördert hat, also den Widerstand der ärmeren weißen Schicht gegen die Bildungselite, die Sie ja auch kritisieren. Wenn in Deutschland die Politik mehr in diese Richtung geht, wird damit der rechte Rand, also die AfD und Identitäre Bewegung gestärkt?

Judith Sevinç Basad: Ja, davor habe ich Angst. Es gibt ja innerhalb der Antirassismus-Bewegung und der Gender Studies eine ideologische und menschenverachtende Schlagseite. Ich habe im Buch beschrieben, wie in den Gender Studies Selbstmordanschläge verharmlost werden, indem die Täter als Opfer eines kolonialrassistischen Systems dargestellt werden. Der Westen wird per se als kolonialer Ausbeuter und Täter gesehen, sodass auch Genitalverstümmelung verteidigt wird, weil man Angst hat, dass diese afrikanische Tradition durch die Dominanz des Westen ausgerottet werden könnte. Was sich teilweise in diesen Disziplinen abspielt, ist einfach menschenverachtend. Da schlägt sich teilweise eine moralische Perversion Bahn.

Vor einigen Monaten gab es eine Debatte im Bundestag über einen Antrag der AfD, dass man die Gender Studies aus diesen Gründen abschaffen sollte. Die Abschaffung eines ganzen Wissenschaftszweiges ist natürlich genauso totalitär wie der Aktivismus, den man eigentlich kritisiert. Das ging natürlich zu weit. Aber die AfD hatte den Antrag teilweise gut begründet. Die Redner haben genau auf diesen ideologischen Aktivismus, der sich als Wissenschaft verkauft, hingewiesen und diesen analysiert. Was dann geschah ist, war bezeichnend. Alle anderen Parteien, die keine Ahnung hatten, was in den Gender Studies abgeht, haben auf die AfD draufgeschlagen und gesagt, es sei übel rassistisch und rechtsextrem, so eine Meinung zu vertreten.

Genau hier liegt das Problem: Für den Normalbürger ist es vollkommen verständlich, dass in diesen Disziplinen Inhalte verbreitet werden, die moralisch verwerflich sind. Aber nur die AfD traut sich, etwas dagegen zu sagen. Die anderen Parteien knicken ein, weil sie Angst haben, dass sie dann – wenn sie die gleiche Kritik äußern – als AfD-nah oder als „Nazis“ abgestempelt werden. Wenn eine solche Polarisierung schon im Bundestag stattfindet und es im Moment keine Partei gibt, die diese krassen Tendenzen in diesem Aktivismus differenziert kritisiert, dann mache ich mir ernsthaft Sorgen.

Fallen Sie denn nicht auch selbst in dieses Schema herein? Wenn Sie ein solches Buch schreiben, werden Sie doch wahrscheinlich auch dem Lager der Rechten zugeordnet. Eine Zone dazwischen gibt es nicht. Das ist ja auch bei Sahra Wagenknecht geschehen.

Judith Sevinç Basad: Ja, klar. Diese Aktivisten sind unfassbar aggressiv. Sie können mit Kritik nicht umgehen. Sobald man den Aktivismus kritisiert, wird einem vorgeworfen, nicht gegen Rassismus und für Gleichstellung kämpfen zu wollen. Aber das stimmt nicht. Nur weil ich eine Bewegung wie den Feminismus oder den Antirassismus kritisiere, heißt das nicht, dass ich eine Gegnerin der Idee bin, die dahintersteht. Dieser Populismus wird dann aber auch im Netz, etwa auf Social Media, sehr verkürzt angetrieben. Das spaltet letztendlich die Gesellschaft.

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