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„Wer sagt: hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht“

6. Mai 2021, Rainer Weiss

Spruch von Erich Fried auf der Berliner Mauer. Bild: o.A./CC BY-SA-3.0

Moshe Zuckermann über den Dichter, Marxisten und streitbaren Intellektuellen Erich Fried, der heute 100 Jahre geworden wäre

Am 6. Mai 2021 jährt sich der 100. Geburtstag von Erich Fried. Er galt in der Bundesrepublik als Ikone der politischen Lyrik. Als marxistischer Intellektueller, der regelmäßig die zahlreichen Leichen im Keller des postfaschistischen Deutschlands ausgrub und mit ihnen eine Dauerpräsentation der vergangenheitspolitischen Schande veranstaltete, wurde er von seinen Anhängern als „Stören-Fried“ verehrt und von seinen zahlreichen Gegnern als ebensolcher zum Teufel gewünscht. Nicht zuletzt auch, weil er mit seinen ideologiekritischen Sprachexperimenten und seinem Wortwitz den wachsenden Orwellianismus in der politischen Kultur der spätkapitalistischen Gesellschaft karikierte und damit dessen Urheber und Profiteure bloßstellte. In ihrem Buch „Gegen Entfremdung“ beleuchten Moshe Zuckermann und Susann Witt-Stahl das dichterische Werk des herausragenden Literaten Fried und sein engagiertes Wirken als Marxist, Friedenskämpfer und Antifaschist. Rainer Weiss hat mit Moshe Zuckermann gesprochen.

 

Erich Fried war ja in erster Linie Lyriker. Seine erfolgreichsten Bücher waren allesamt Gedichtbände. In welcher Tradition würdest Du ihn einordnen?

Moshe Zuckermann: Schwer, darauf eine eindeutige Antwort zu geben. Er hat die scharfe Beobachtungsgabe und kritische Genauigkeit eines Heine, den ich aber für einen größeren Lyriker halte. Sein Marxismus ist dem Brechts vergleichbar, auch sein kämpferischer Geist, und doch ist Brecht der größere Künstler. Zuweilen gemahnt mich Frieds satirischer Humor an Kurt Tucholsky.

 

Zu Frieds Lebenszeit gab es eine ganze Reihe herausragender und auch sehr erfolgreicher Lyrikerinnen und Lyriker, wie zum Beispiel die unwesentlich jüngere Ingeborg Bachmann, der unwesentlich ältere Karl Krolow, ein Peter Hacks oder auch ein Heiner Müller im Osten oder ein Peter Rühmkorf, der Fried um 20 Jahre überlebt hat. Was unterscheidet Fried von den Genannten, was macht ihn Deines Erachtens wesentlich aus?

Moshe Zuckermann: Ja, es gab besonders in der Nachkriegszeit eine große Reihe wichtiger Lyrikerinnen und Lyriker, deren dichterische Qualität kaum in Zweifel gezogen werden kann. Fried war nicht der bessere Lyriker unter ihnen. Aber er war politisch der mutigste und empathischste unter ihnen. Es lag ihm, auch biographisch bedingt, etwas auf der Seele, das mit Wucht heraus musste. Das entfaltete in ihm nicht nur künstlerische Ästhetik, sondern auch eine Fähigkeit zur Empathie und ja, eine nie versiegende Menschenliebe. Nicht viele Lyriker seiner Generation konnten diese Qualität wie Fried subjektiv fühlen und objektiv entäußern.

In den Zeiten um und nach ’68 galt Erich Fried als einer der Autoren, auf die sich die deutsche und europäische Linke berief – wie auch auf Heinrich Böll oder auf den Schweizer Max Frisch – die mit ihren Büchern wichtige politische Umwälzungen begleiteten. Spielte damals „der Künstler“, der „Schriftsteller“, der „Intellektuelle“ eine bedeutendere politische Rolle als heute? Und wenn ja, warum?

Moshe Zuckermann: Ja, dem ist ohne Zweifel so. Jede historische Phase hat ihren spezifischen politischen Eros, der die Raison d’être und Ausrichtung des künstlerischen Intellektuellen in je eigener Weise bestimmt. Fried wirkte in einer Zeit, in der der Kalte Krieg noch tobte, die Gesinnungspolarität noch vibrierte und das Postulat des Involvements noch bebte. Es war auch eine Zeit, in der die Forderung, die Vergangenheit aufzuarbeiten, eine kollektiv-existentielle Notwendigkeit im deutschsprachigen Raum darstellte. Der Kalte Krieg wurde dann durch den Niedergang des Sowjetkommunismus entschieden und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ließ die „Vergangenheitsbewältigung” nach und nach verblassen. Deutsche Schriftsteller und Intellektuelle sind heute weniger gefordert. Sie sind auch satter, sind einigermaßen zur Ruhe gelangt.

Ein Günter Grass, auch er ein Lyriker, hat Gedichte mit politischem Auftrag seinerzeit als „Protestlyrik“ abgetan und ihr Wirken als Kampf mit einem „hölzernen Schwert“ abgetan. Hat Fried solcherlei Einordnung je gestört? Gibt es, was seine Standpunkte betraf, auch Abweichungen, Korrekturen, selbstkritische Momente?

Moshe Zuckermann: Naja, Grass selbst hat sich ja auch an Protestlyrik versucht („Was gesagt werden muß”). Ich habe ihn in diesem Zusammenhang seinerzeit gegen seine Kritiker verteidigt. Aber unter uns gesagt – das Gelbe vom Ei war es nicht gerade, was er da zustande gebracht hatte. Fried selbst hat den Anwurf von Grass gegen ihn nicht unbeantwortet gelassen. „Seit wann kann man den Einfluss von Gedichten in Divisionen messen?”, fragte er. Zurecht, wie ich meine. Es ist in der Tat eine gravierende Frage, ob Gedichte einen politischen Auftrag transportieren können.

Natürlich war Fried ein Marxist, oder? Aber der Marxismus hatte und hat viele Lager, und der eine Marxist traute und traut dem anderen nicht. Wo stand Fried? Wem fühlte er sich nahe? Gab es überhaupt ein Lager, in dem er zu Hause war?

Moshe Zuckermann: Natürlich war Fried Marxist. Einem bestimmten Lager gehörte er nicht an. Er war kein Anhänger der Sowjetunion, gelinde ausgedrückt. Er fühlte sich eher der deutschen Studentenbewegung und der Achtundsechziger-Emphase, mithin dem Freudomarxismus nah. Er verurteilte zwar den RAF-Terror, bewunderte aber Ulrike Meinhof. Er war Antizionist, fühlte sich der Matzpen-Gruppe, einer Bewegung von israelisch-jüdischen und palästinensischen Sozialisten, verbunden. Er war aber vor allem darin genuiner Marxist, dass er für die menschliche Freiheit und gegen Entfremdung ein Leben lang kämpfte.

Fried, der in London lebte, war ja auch ein wunderbarer Übersetzer, zum Beispiel von Stücken von Shakespeare, die heute noch in Frieds Versionen gespielt werden. Könnte es sein, dass er damit seine Begabung zum Dialogischen schulte, zur Ansprache eines Gegenübers? Und dass er, obschon Österreicher durch und durch, schon wegen seines Wohnorts „freier“ und offener war als die schriftstellerische „Konkurrenz“ hierzulande?

Moshe Zuckermann: Ich weiß nicht, ob Fried seine Begabung zum Dialogischen an seinem Übersetzungswerk schulte. Kann sein. Aber ganz außer Frage steht, dass ihm das Dialogische sowohl in seiner Kunst als auch in seinem Umgang mit Menschen allgemein von existentieller Wichtigkeit war. Als öffentlicher Intellektueller suchte er den Dialog unentwegt, auch dort, wo er harsche Kritik am Bestehenden übte. Fried lebte in London, aber seine Wirkungssphäre war letztlich der deutschsprachige Raum. Ob London dazu beitrug, dass er freier und offener als seine deutschen Kollegen war, weiß ich nicht. Ich sehe, wie ich vorhin sagte, seine Freiheit und Offenheit eher in seinen tragischen lebensgeschichtlichen Erfahrungen und der aus ihnen gezogenen Konsequenz begründet.

Es gibt ein Gedicht von Fried mit drei markanten Zeilen: „Ich soll nicht morden/ ich soll nicht verraten/ Das weiß ich/ Ich muss noch ein Drittes lernen:/ Ich soll mich nicht gewöhnen.“ Würdest Du mir beipflichten, dass in diesen Zeilen der ganze Charakter, das Wesen dieses Autors aufscheint?

Ja, Du hast vollkommen recht. Das ist der ganze Fried, die Quintessenz seiner Ausrichtung auf den Menschen und die Welt. Das will wohlverstanden sein: Die Gewöhnung an die Barbarei am Menschen bedeutet nicht nur die Entfremdung von den Opfern dieser Barbarei, sondern auch die Entfremdung von sich selbst – die Selbstentfremdung. Das korrespondiert mit Adornos Einsicht, dass das verdinglichte Bewusstsein zwangsläufig die Menschen als Dinge zu behandeln beginnt. Die Gewöhnung ist da der erste Schritt.

Fried war ein Bejaher der Liebe und des Lebens, ein immer wieder unbeirrbarer Romantiker trotz seiner Erfahrungen, die er zeitlebens mit den Ewiggestrigen machen musste. Woraus hat er die Kraft dafür bezogen, was hat ihn so stark und – für seine Anhänger – so überzeugend gemacht?

Moshe Zuckermann: Es war in erster Linie eben das, wonach Du fragst: seine Liebe bzw. seine Liebesfähigkeit, die fast keine Grenzen kannte. Übrigens nicht nur Menschen, sondern auch Tieren gegenüber. Wenn man nun fragt, woher nahm er die Kraft zu solcher Liebe, dann stellt man eine für Fried letztlich leere Frage. In seinem Gedicht „Was es ist” beantwortet sich die Frage nach der Liebe mit der herrlichen Antwort der Liebe: „Es ist, was es ist”.

Fried ist seit über 20 Jahren tot. Und doch lebt sein Werk, leben vor allem seine Liebesgedichte mit bis heute „weit über eine Million verkauften Exemplaren“, wie Wagenbach, Frieds verlegerische Heimat, stolz verkündet. Hat Fried die Potenz, wie vielleicht sonst nur ein Brecht oder ein Hesse (der allerdings vornehmlich mit seiner Prosa), auch die nächsten Generationen zu erreichen?

Moshe Zuckermann: Das ist eine ganz große Frage. Ich weiß eigentlich überhaupt nicht mehr, was aus dem kulturellen Fundus der klassischen Moderne noch die nächsten Generationen erreichen kann. Ich habe manchmal das Gefühl, dass der gesamte Kultur-, Kunst- und Wertekosmos dieser Moderne mittlerweile zur „Welt von gestern” gehört. Von der Form und dem Inhalt her sollte eigentlich Frieds Lyrik diese Potenz aufweisen. Es stellt sich nur die Frage, ob sich nicht eine Welt herausbildet, in der solche Potenzen nichts mehr gelten.

Da vor allem die Liebeslyrik Frieds so viele Menschen erreicht und sogar Eingang in Dutzende von Schulbüchern erreicht hat: Wie würdest Du Frieds Verständnis von Erotik beschreiben – und könnte man ihn als einen Vorkämpfer für einen Umgang mit Sexualität bezeichnen, die bis weit in die Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts verkrampft, verschwitzt und verzopft daherkam?

Moshe Zuckermann: Ja, Fried ist – zumindest objektiv – ein solcher Vorkämpfer gewesen. In Deiner Frage steckt bereits die Antwort: Gerade weil in den vorangegangenen Generationen der Umgang mit Sexualität „verkrampft, verschwitzt und verzopft daherkam”, war die Zeit gleichsam „reif” für eine sexuelle Revolution. In diesem Kontext kam der Liebeslyrik von Fried eine bedeutende Rolle zu.

Ist Fried also im besten Sinne ein Aufklärer zu nennen?

Moshe Zuckermann: Das ist eine prekäre Frage. Denn ein Marxist möchte die Grenzen der historischen Aufklärung, die sich ja mit dem Überbau der bürgerlichen Gesellschaft bildete, überwinden. Wenn man aber Aufklärung als den Versuch begreift, das falsche Bewusstsein durch Praxis in ein richtiges zu verwandeln, darf Fried in der Tat in diesem besten Sinne als ein Aufklärer erachtet werden.

Mich persönlich haben die Worte von Thomas Mann berührt, der über Frieds ersten Gedichtband (mit dem Titel „Deutschland“), 1944 vom österreichischen Exil-PEN in London herausgegeben, gesagt hat, dass Fried „eine gewisse künstlerische und moralische Vergnügtheit“ auszeichnet, „die wohl aus einem guten Überlegenheitsgefühl über das Böse kommt“. Gilt das, was Thomas Mann über den damals unbekannten 23-jährigen Fried gesagt hat, noch heute? Ist es dieses „gute Überlegenheitsgefühl über das Böse“, das uns wieder und wieder für Fried einnimmt?

Moshe Zuckermann: Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass Deine Frage für mich noch die Luft der „Welt von gestern” atmet. Aber ich fürchte, dass von einem „guten Überlegenheitsgefühl über das Böse” nicht mehr die Rede sein kann. Denn nicht nur entstammte Manns Eindruck damals der Einsicht in ein radikal Böses, das es nachgerade manichäisch zu bekämpfen galt (wofür sich bekanntlich Mann selbst einspannen ließ), sondern der Glaube an die Kunst als wirkmächtige Instanz der Freiheit war noch relativ ungebrochen. Diese Zeit ist längst vorbei.

Etwas Persönliches zum Schluss, Moshe. Hast Du ein Lieblingsgedicht von Fried, das Du uns zu seinem 100. Geburtstag ans Herz legen möchtest?

Moshe Zuckermann: Oje, es gibt unzählige Gedichte, die ich hier anführen könnte. Statt ein Gedicht auszuwählen, möchte ich lieber vier Aphorismen anbieten, die – aneinandergereiht – den marxistisch beseelten Fried (und wenn ich mich dazugesellen darf, auch mich) im schönsten emanzipatorischen Sinne repräsentieren: (a) Unsere Lebenszeit ist unsere einzige Zeit. (b) Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt. (c) Das Reich der Freiheit ist im Reich der Notwendigkeit ein notwendiger Traum. (d) Wer sagt: hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht.

Das Interview erschien zuerst auf den Nachdenkenseiten und wurde mit freundlicher Genehmigung übernommen.

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