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Verdeckte Kriegsführung: Die Geheimarmee des Pentagon

21. Mai 2021, Florian Rötzer


Bild:Hippoxcom/CC0

Die USA führen offline und online mit einer 60.000 Mann starken Geheimarmee verdeckte Aktionen weltweit aus und entwickeln Mittel (signature reduction), unerkannt zu bleiben oder falsche Identitäten vorzugeben.

Manche werden erinnern, dass im Kalten Krieg die Organisation Stay-behind in einigen Ländern und zuerst in Deutschland aufgebaut wurde. Es handelte sich um geheime Widerstandseinheiten, die der amerikanische Geheimdienst in Deutschland auch mit ehemaligen SS-Offizieren und Wehrmachtssoldaten füllte. Angelegt wurden Depots mit Waffen, Sprengstoff und anderen Utensilien, die man in einem Untergrundkampf braucht, wenn der Ostblock in den Westen einmarschiert. Die Stay-behind-Einheiten sollten dann hinter der Front den Gegner ausspionieren, ihn bekämpfen und Sabotage ausüben, um ihn zu schwächen. Bekannt wurde Gladio, die italienische Stay-behind-Organisation  flog 1990 auf, wodurch auch die Strukturen in anderen Ländern bekannt wurden.

In den 1950er Jahren baute das Pentagon die Stay-behind-Organisation Operation Washtub auf, da man Sorge hatte, dass die Sowjetunion Alaska besetzen könnte. Nachdem Alaska 1959 Bundesstaat wurde, löste man die kleine Organisation wieder auf.  Vor kurzem berichtete Newsweek, dass das Pentagon sich auch weiterhin eine Geheimarmee hielt, zu der nun 60.000 Menschen, meist unter gefälschter Identität, gehören sollen. Die Geheimarmee führt im Rahmen des Programms „signature reduction“ Missionen im In- und Ausland als Militärs oder Zivilisten aus und verbirgt sich auch hinter Geschäften, Firmen oder Beratungsagenturen.

Es handelt sich anders als bei den Stay-behind-Organisationen des Kalten Kriegs um ein Werkzeug verdeckter Kriegsführung, bei der Streitkräfte nicht offen auftreten sollen. William Arkin hat für Newsweek versucht, diese Geheimarmee, die vor allem aus Spezialeinheiten und Geheimdienstagenten besteht, investigativ auszuforschen, muss aber zugeben, dass die Einsicht in diese Geheimarmee, die nicht vom Kongress kontrolliert wird, sehr beschränkt ist. Aber sie stelle amerikanische Gesetze, die Genfer Konventionen, militärische Regeln und überhaupt Zurechenbarkeit in Frage und agiere in der Grauzone (Inside the Military’s Secret Undercover Army).

Selbst die Finanzierung erinnert eher an eine Mafia. Um die 130 Firmen sorgen für die Finanzierung der Geheimarmee für schmutzige Aufträge, die auch von einigen weitgehend unbekannten und geheimen Regierungsorganisationen unterstützt wird, die Geheimverträge machen und die verdeckten Einsätze kontrollieren. Mehr als 900 Millionen US-Dollar sollen die Firmen einspielen, um falsche Identitäten zu konstruieren, die Rechnungen der Mitarbeiter unter falschen Namen begleichen und Techniken zum Belauschen und verdeckt agieren bereitstellen. Fälschung von Dokumenten und Geldwäsche sind an der Tagesordnung.

Die Einheiten der Geheimarmee jagen Terroristen etwa in Pakistan oder Afrika und sollen auch im Iran oder Nordkorea tätig sein. Die neuste und am schnellsten wachsende Gruppe sollen Cyberkämpfer oder Hacker sein, die etwa heimliche Kampagnen zur Beeinflussung und Manipulation sozialer Netzwerke ausführen, also just das, was Washington Russland, China oder Iran vorwirft. Signature reduction heißt nichts anderes, als Mitarbeiter und Aufträge geheim zu halten und nicht zurückverfolgbar zu machen, es sind Techniken der Tarnung. So müssen auch biometrische Identitätsmerkmale manipuliert und Fingerabdrücke oder Gesichtserkennung ausgetrickst werden, um Grenzen unerkannt überschreiten zu können. Dazu haben  US-Geheimdienste auch in biometrische Systeme und Watchlists anderer Staaten gehackt, aber es wurden auch Mittel entwickelt, um das Aussehen von Personen zu verändern. Das Pentagon warnt auch die Soldaten und ihre Familien, ihre genetischen Daten weiterzugeben, weil man so gezielte biologische Waffen entwickeln könnte.

Signature reduction bedeutet, in einer Welt, die immer transparenter zu werden scheint, in der alles aufgenommen und identifiziert wird, sich tarnen zu können und etwas anders erscheinen zu lassen. Deep Fakes in der digitalen und realen Welt durch Schattenarmeen. Und da alle, die können mitmachen, ist die Warnung vor Desinformations- und Beeinflussungskampagnen selbst eine Desinformations- und Beeinflussungskampagne. Die Geheimarmeen täuschen auch die eigenen Bürger und Parlamente, untergraben Demokratie und Rechtstaat und verbinden sich mit organisierter Kriminalität.

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