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Im „Desinformationskrieg“ wird nach „Beeinflussungs-Artilleriemunition“ gesucht

20. Februar 2021, Florian Rötzer

Militärisch setzt sich durch, dass Kriege nicht durch Waffen, sondern durch Information als Waffen gewonnen werden. Damit werden Öffentlichkeit und Diskurs zum Schlachtfeld.

Schon länger wird von Information als Waffen gesprochen und vom Schutz der Bevölkerung vor Beeinflussungsoperationen. Das sind aber nur neue Worte für Propaganda, strategische Kommunikation oder PsyOp-Maßnahmen, um die Menschen zu beeinflussen, also zu manipulieren. Ist also nichts Neues im Westen und Osten. Trotzdem ist die sprachliche Aufrüstung bemerkenswert, weilsuggeriert wird, dass die Gehirne der Menschen Opfer der Informationswaffen werden, wenn sie nicht durch Abwehrsysteme und Experten als Informationssoldaten geschützt werden. Kommen die „Kugeln“ in den Köpfen an, ist es schon zu spät, sie müssen vorher abgewehrt werden, womit unterstellt wird, dass die Menschen selbst nicht in der Lage sind, diese waffenförmigen Informationen zu verarbeiten.

Ben Nimmo, ein „Desinformationsexperte“, ist exemplarisch für die neue Aufrüstung der Sprache. Er arbeitete beim Digital Forensic Research Lab des Atlantic Council als „Senior Fellow for Information Defense“ („Informationsabwehr“!), ist weiterhin stramm antirussisch aufgestellt ist, weil die russische, nicht die Nato-Desinformation Ansehen und Geld bringt, war an der dubiosen, selbst mit Desinformation und Beeinflussung agierenden Integrity Initiative des britischen Außenministeriums beteiligt, arbeitete für das Unternehmen Graphika („Take control of your Cyber-Social Terrain“), das eng mit dem Pentagon zusammenhängt. Facebook verband sich 2018 mit dem Atlantic Council zur Bekämpfung von Desinformation und Fake News, in der Folge wurden Hunderte von Accounts geschlossen, Nimmo war auch mit im Spiel. Jetzt soll sich Nimmo hauptamtlich um im Sinne der Nato feindliche „Einfluss-Operationen“ kümmern, also vermutlich diese zu erkennen und abwehren.

Nimmo badet nicht nur in den Waffenmetaphern, sondern sagt im Brustton der Überzeugung: „Wir haben die Fakten. Sie haben die Geschichten.“ Faktenchecks reichen nicht, man muss Geschichten – Narrative – erzählen, um zu überzeugen. Und dazu gehört die waffenförmige Sprache. Beim Atlantic Council wird darüber unter  dem Titel: „Wie man ein Desinformationsnarrativ tötet“, also nicht widerlegt oder entkräftet. Nimmo selbst ist berauscht von „Informationskriegen“, von „Informationsverteidigung“ und von „Desinformationskriegen“. Diese Kriege würden Präventivmaßnahmen verlangen. Es gehe nicht darum, Desinformation abzuwehren, „sondern glaubwürdige Informationsquellen zu verteidigen“. Das seien nicht Regierungen und Politiker, sondern NGOs und Akademiker. Das geht so weit, das mit Verweis auf Nimmo davon gesprochen wird, dass man „die Wahrheit zur Waffe machen“ müsse, um Desinformation zu bekämpfen („To fight disinformation, we need to weaponise the truth“), da es die gefährlichste Form des Cyberwar sei, „unsere Köpfe und Glaubenssysteme zu kidnappen“.

Spricht man von „weaponized information“ oder Desinformationskriegen, dann fabriziert man die paranoide Vorstellung, dass jeder und alles zum kriegerischen Mittel werden kann, was eben auch heißt, dass der Krieg im Alltag angekommen ist, sodass der Diskurs oder die Kommunikation selbst zur Waffe wird und es im Prinzip keinen neutralen Reflexionsraum mehr gibt. Die vom Westen im Kalten Krieg gepflegte Propaganda von „freien Informationsfluss“ (free flow of information) wurde beerdigt, als nicht nur der Westen Auslandssender hatte, sondern auch Russland, China, Iran, Saudi-Arabien, Dubai oder Venezuela.

Gesagt wird letztlich, dass der offene und deswegen verletzliche Informationsraum der westlichen Gesellschaften wie die Luft für die Verbreitung der Informationsprojektile ausgenützt werden kann, weswegen er verschlossen, abgesichert werden, einen Panzer erhalten muss, um derartige Informationswaffen abzuwehren, ähnlich wie mit Raketenabwehrsystemen und Überwachungssatelliten gegnerische Raketen abgewehrt werden sollen. Besonders bedrohlich ist dabei vermutlich der insinuierte Hintergrund, dass jeder Worte, Bilder oder andere Informationen schaffen und „abschießen“ kann, über das Internet auch weltweit.

Ein „Informationskriegszentrum“ mit dem Fokus auf „Beeinflussungs-Artilleriemunition“

Das Militär will natürlich auch dabei sein, wenn es nun um Informationskriege geht. Ein Beispiel ist das amerikanischen Spezialkräfte-Kommando (Special Forces Command), das ein „Informationskriegszentrum“ im Fort Bragg mit dem Fokus auf „Beeinflussungsartilleriemunition“ aufbauen will. Das klingt eigentlich ein wenig lächerlich, gemeint ist, dass man wirksam eine Bevölkerung mit Informationen massieren, also beeinflussen können will.

Das Zentrum soll weltweit feindliche Aktivitäten im wirklichen und virtuellen Raum entdecken und sofort diese Informationen weiterleiten.  Zudem soll eben digitale Munition wie eine Rakete produziert werden, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist, wie das geschehen soll, bleibt ein Geheimnis und ist wahrscheinlich  nur ein alter Traum, Menschen gehirnzuwaschen oder zu verzaubern.

.“Cyber ist ein anderes Auslieferungssystem“, erklärt Leutnant Ed Croot vom Special Forces Command. „Es ist eine Plattform wie ein Artilleriesystem, mit dem man Beeinflussung durch Schüsse feuern kann.“ Es geht eigentlich um die Kontrolle von Menschen: „Es gibt eine Informationsrevolution, die Dinge geschehen schneller, als wir das gewohnt sind, und es ist schwer, die Einstellungen von Menschen, Systemen und Prozessen zu verändern, die sich mit Informationsgeschwindigkeit bewegen können.“ Aber auch darum, dass die Soldaten ihre „digitalen Angriffsoberflächen“ besser schützen, also sich möglichst aus dem Internet ausklinken.

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