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MH17-Prozess: Fragwürdige Autopsie-Beweise

10. Juni 2021, John Helmer

Die Bilder aus dem Bericht des Dutch Safety Board (DSB) von dem fliegen- und würfelförmigen Schrapnell, das angeblich von der Mordwaffe, einem Gefechtskopf der BUK-Rakete, stammen soll. Ein in Moskau veröffentlichtes Expertengutachten hat die angebliche Gefechtskopfquelle der beiden vom DSB gezeigten fliegenförmigen Schrapnells aufgrund von Diskrepanzen in Gewicht und Masse in Zweifel gezogen.

 

Der Vorsitzende Richter Steenhuis räumt ein, dass nur ein einziges Schrapnellteil, das von einer Buk-Rakete stammen könnte, gefunden wurde, andere sind verschwunden. In einem Buk-Sprengkopf gibt es 2.600 fliegenförmige und 2.600 würfelförmigen Teilchen.

Zum ersten Mal, seit die niederländische Regierung ihre Strafermittlung über die Zerstörung des Passagierflugzeus MH17 der Malaysian Airlines und die Tötung der 298 Passagiere und Besatzungsmitglieder an Bord begann, hat das Gericht gehört, was der Vorsitzende Richter Hendrik Steenhuis als Autopsie- und Post-mortem-Beweise von den Körpern beschrieben hat, die aus dem Flugzeug an der Absturzstelle in der Ostukraine geborgen wurden.

Zum ersten Mal hat Steenhuis auch eine schriftliche Version dessen verlesen, was er als zulässiges Beweismaterial von den Leichen erklärt, obwohl die Verhandlung über dieses Beweismaterial gerade erst begonnen hat.

Und zum ersten Mal bestätigt Steenhuis, ohne zu zeigen, dass er verstanden hat, was er da von sich gibt, dass nur ein einziges Stück Schrapnell, das mit der angeblichen Mordwaffe, einer BUK-Rakete russischer Bauart, identifiziert werden kann, von den niederländischen Forensik-Teams, Pathologen, Polizisten, Staatsanwälten und Untersuchungsrichtern gefunden wurde, die seit dem Absturz am 17. Juli 2014 an diesem Beweis gearbeitet haben. Wenn Steenhuis die Wahrheit über dieses eine fliegenförmige Stück Schrapnell von einem Raketensprengkopf sagt, ist ein weiteres würfelförmiges Stück Schrapnell aus den Körpern im Cockpit verschwunden, sowie ein weiteres fliegenförmiges Stück und ein Würfel, die angeblich im Cockpitrahmen gefunden und von der niederländischen Sicherheitsbehörde im Oktober 2015 fotografiert wurden.

 

Dieses eine Metallstück wurde von Steenhuis als Beweismittel zugelassen, ohne durchgängige Beweismittelkette, mit der es vor dem ukrainischen Geheimdienst (SBU) geschützt wurde. Der SBU überwachte die Autopsien der gleichen Leichen in Charkiw im Juli 2014, bevor sie in die Niederlande gebracht wurden. Das ist ein Metallstück von 2.600 fliegenförmigen und weiteren 2.600 würfelförmigen Teilchen in dem BUK-Raketensprengkopf, den Steenhuis nun für schuldig befunden hat. Für den niederländischen Richter ist dies über jeden vernünftigen Zweifel erhaben.

Die anglo-amerikanische Praxis ist umgekehrt. In einem britischen oder amerikanischen Gericht präsentiert der Richter seine Zusammenfassung der Beweise, die er akzeptiert, am Ende des Prozesses – nachdem die Beweise präsentiert und dann von Staatsanwälten und Verteidigern in direkten Verhören und Kreuzverhören von Zeugen, Experten und dem Angeklagten geprüft wurden.

Im MH17-Prozess begann Steenhuis am 8. Juni mit einer 10-minütigen Aufzählung von Autopsie- und Post-Mortem-Beweisen, die, wie er sagt, von den Leichen der Passagiere und der Cockpit-Besatzung auf einer niederländischen Militärbasis gesammelt wurden, nachdem sie aus der Ukraine ausgeflogen worden waren.  Hören Sie sich die archivierte Aufzeichnung von Steenhuis Lesung hier, Min 37:45 bis 47:20 (Video).

Steenhuis listete die Autopsie- und Post-Mortem-Technologien auf, die die Niederländer verwendeten, einschließlich des nicht-invasiven CT-Scans und der Röntgenaufnahme. Eine invasive Sezierung wurde auch bei ausgewählten Körpern der Besatzung durchgeführt, so der Richter. Bilder der Apparate, die die Holländer verwendeten, wurden im Gericht bei Min 41:02-41:19 gezeigt.

Bei Minute 42:16 macht Steenhuis das entscheidende Eingeständnis, dass die Leichen von den ukrainischen Behörden manipuliert worden waren.

Laut Steenhuis wurde eine Reihe von Leichen von den Niederländern „durch nähere invasive Untersuchungen u.a. mit den Leichen, die in der Ukraine obduziert worden waren“, in Augenschein genommen. Steenhuis sagte nicht, um wie viele Leichen es sich handelte, wie ihre Namen lauteten und wo sie im Flugzeug lagen, was die Ukrainer bei ihren „Obduktionen“ gemacht hatten, und was die holländische Spezialpolizei, die die Leichen angeblich vor und nach den ukrainischen „Obduktionen“ bewachte, getan hatte, um das Einbringen von Metall und die Fälschung forensischer Aufzeichnungen zu verhindern.

Liane Theurkauf hat den einzigen in gedruckter Form verfügbaren Katalog und Überblick über alle Autopsie- und Post-Mortem-Beweise im MH17-Fall vorgelegt, wobei sie sich besonders auf den Piloten, den Ersten Offizier und den Zahlmeister im Cockpit sowie zwei Besatzungsmitglieder konzentriert, einschließlich des Team-B-Pilot-Kapitäns, der in der Erste-Klasse-Kabine hinter dem Cockpit saß (siehe „Das Schicksal der Cockpitbesatzung“ im zweiten Kapitel des Buchs The Lie that Shot down MH17).

Am 8. Juni verlas Steenhuis sein Urteil, dass auf der Militärbasis Hilversum „eine Autopsie an fünf Mitgliedern der Besatzung – zwei Kapitänen, einem Ersten Offizier und zwei Mitgliedern der Kabinenbesatzung – durchgeführt wurde [sic]“ [Min 44:38]. Steenhuis‘ Verwendung des Singulars war irreführend. Es implizierte, dass die Autopsie in Hilversum an den fünf Besatzungsmitgliedern die erste Autopsie an diesen Besatzungsmitgliedern war und somit die einzige Quelle der Beweise, die dem Gericht jetzt zur Verfügung stehen. Das ist falsch – Steenhuis weiß entweder, dass es falsch ist, oder er ist nicht in der Lage zu wissen, welche Beweise von den Leichen der Besatzung verfügbar sind.

Nach Theuerkaufs Aufzeichnungen wurde ein detailliertes Protokoll der Leichenwunden der Cockpit-Besatzung, einschließlich der Schrapnell-Beweise, zuerst in der Kalinin-Leichenhalle in Donezk angefertigt, geleitet von Beamten der „Volksrepublik Donezk“ (DPR) und dem Chef der Donezker Leichenhalle, Dmitry Kalaschnikow. Aufgrund des Verdachts, dass die Beweise der Cockpitbesatzung später gefälscht werden könnten, wurde dieses Protokoll aufbewahrt und auch öffentlich gemacht. Es wurde von den niederländischen Staatsanwälten, von Steenhuis und auch von den niederländischen Anwälten ignoriert, die Oberstleutnant a.D. Oleg Pulatov, den russischen Angeklagten, vor Gericht vertreten. Kalaschnikow wurde weder von den niederländischen Ermittlungsrichtern noch von den Verteidigern befragt.

 

Nachdem sich ein Team malaysischer Beamter mit DPR-Beamten getroffen hatte und niederländische und andere europäische Beamte folgten, wurden die Leichen mit dem Zug aus der DPR in das von Kiew kontrollierte Gebiet gebracht. Die Leichen wurden dann ausgeladen, aus den Leichensäcken genommen und mit den von der DVR vorbereiteten Kennzeichnungsschildern versehen; neue Verfahren wurden von ukrainischen Pathologen unter Beobachtung von niederländischen und australischen Spezialkräften durchgeführt. Röntgenaufnahmen und andere Autopsieverfahren wurden gemacht, bevor die Leichen wieder versiegelt wurden. Ein Sprecher der Kiewer Regierung gab bekannt: „Wir haben alles in Charkiw, Experten von internationalen Organisationen und aus der Ukraine. Sie verfügen über alle Mittel zur forensischen Untersuchung und Prüfung.“

Die Totenscheine wurden von ukrainischen Beamten unterschrieben und später an die Niederländer übergeben, einige waren bei den Leichen, als sie von Charkiw nach Hilversum geflogen wurden, andere kamen später nach.

Theuerkauf schlussfolgerte: „Im MH17-Prozess wurden die Röntgenaufnahmen der Leichen der Cockpit-Besatzung, die in Charkiw gemacht wurden, nicht erwähnt. Dieses Detail ist aus zwei Gründen entscheidend. Entweder sind die Röntgenbilder von den Ukrainern und Niederländern erhalten worden, zeigen aber nicht die charakteristischen Schrapnelle der angeblichen Waffe für den Angriff auf das Flugzeug, und die Röntgenbilder werden deshalb unterdrückt. Oder aber die Röntgenbilder fehlen, und die Beweiskette für die Beweise der Cockpitbesatzung wurde in Charkiw unterbrochen – ein zweiter Bruch in derselben Kette. Wenn das erste die Wahrheit ist, haben die holländischen Staatsanwälte darüber gelogen, was die Beweise belegen. Wenn das zweite die Wahrheit ist, sind die Behauptungen der Anklage über die Schrapnell-Beweise rechtlich unzulässig.“

In seinem Entscheid vom 8. Juni ließ Steenhuis das Unzulässige zu. Er unterschlug die Beweiskette, die in Donezk und Charkiw unterbrochen wurde – von Kiewer Pathologen und niederländischer sowie australischer Polizei.  Steenhuis billigte auch Beweise für ein fliegenförmiges Teil eines Sprengkopfs, dessen angebliche Detonation 2.599 weitere fliegenförmige Teile freisetzte, die völlig verschwunden sind.

 

Der Artikel von John Helmer ist zuerst auf seiner Website Dances with Bears erschienen.

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