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Zahl der Woche: 224

9. Juni 2021, Andreas Schlumberger

Jedes Jahr gehen 224 Milliarden Tonnen fruchtbarer Boden verloren

Reißen Sie sich für die nächsten Minuten eine Tüte Chips auf. Am besten Maischips, dann sind wir nämlich schon beim Thema. Denn wenn man hingeht, wo der Mais wächst, in den mittleren Westen der USA, kann man was Spannendes beobachten. Evan Thaler von der University of Massachusetts in Amherst hat das gemacht und mit seinem Team aufgeschrieben, was er gesehen hat. In den Proceedings of the National Academy of Sciences berichten die Geowissenschaftler, dass von den 12.000 Jahre alten Böden, die die Welt mit jährlich 340 Millionen Tonnen Mais und Soja versorgen, bereits 140.000 km2 bzw. 1,4 Milliarden Tonnen verschwunden sind. Das sind rund 35 Prozent und damit genug, um ernstlich beunruhigt zu sein, dauert es doch 1.000 Jahre, damit solch ein Boden um 3 cm wächst. Die Studie aus Amherst überzeugt mit einem neuen Analyseansatz, um die schwer zu fassende Größe „Bodenerosion“ quantitativ besser zu beschreiben. Dabei zeigt sich leider, dass der Schwund noch deutlich größer ist als bislang geschätzt. Die Ernte hat bereits 6 Prozent abgenommen, was Einbußen von 2,3 Milliarden Euro bedeutet. Ebenfalls jährlich.

Ja, schlimm diese USA. Nein, so geht es allerorten und mit eigentlich allen Nahrungspflanzen. Laut Karl Auerswald von der Technischen Universität München erklärt dies auch, warum quer durch die Kulturen die Ernteerträge „die letzten 20 bis 30 Jahre nicht mehr gestiegen sind“ – obwohl technischer Fortschritt und gestiegener CO2-Gehalt der Luft dies erwarten ließen. Natürlich, der Klimawandel hängt auch hier mit drin, doch blöderweise wird genau umgekehrt ein Schuh draus: Die degradierten Böden kippen von der Kohlenstoffsenke um in eine Kohlenstoffquelle und treiben damit die planetare Erwärmung sogar an. Gleichzeitig verlieren sie ihre Kapazität Wasser zurückzuhalten – die Böden werden heißer, die Pflanzen darben.

Hier in Deutschland verlieren wir übrigens viel Boden, jeden Tag über 70 Hektar, weil wir ungebremst alles zubauen. Mit schnuckligen Einfamilienidyllen fürs kleine Glück oder Carports und Straßen fürs große Glück oder Logistikzentren für … Zeugs.
Nach Angaben der UN ist weltweit heute über ein Drittel der Böden beschädigt, bis 2050 könnten 90 Prozent degradieren. Betreiben wir Landwirtschaft wie gehabt, so warnte die stellvertretenden Generaldirektorin der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Maria Helena Semedo, sind noch 50 bis 60 Ernten drin – dann ist Schluss.

Die gute Nachricht: Es geht auch anders. Weniger Pflügen, Zwischenfrüchte anbauen und Deckpflanzen einsetzen oder zumindest mehr Schnitt auf den Äckern liegen lassen … diese 3 Schritte würden ungemein helfen, bedeuten aber doch einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel in der Landwirtschaftspraxis. Was die Bauern in den USA abhält, das Richtige zu tun, ist erschreckend banal. Die Mehrheit bearbeitet nicht eigenes Land, sondern versucht als Pachtfarmer mit 1- bis 2-Jahresvertrag kurzfristig das Meiste aus der Fläche zu holen. Investitionen in die Zukunft dank nachhaltiger Praktiken sind da kaum zu verargumentieren. Immerhin will Joe Biden sich der Frage annehmen und auch Geld für bewährte sowie neue Förderprogramme ausgeben.
Und Sie machen jetzt die Chipstüte wieder zu, die wird noch richtig was wert …

 


The extent of soil loss across the US Corn Belt
www.pnas.org/content/118/8/e1922375118

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